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druck, derAufstand sei ein Spaßgewesen.Die Rolle vonKindern imAufstand
wird thematisiert, etwaalsein10-jährigesKinddurstigeWachpostenmitkühler
Limonade rettete. AlsHeldwird ein 12-jährigerKurier vorgestellt, KorporalWi-
toldModelski, der andenKämpfenmitwirkte und für seine Tapferkeit ausge-
zeichnet wurde, bevor er als einer der letzten Aufständischen in Czerniaków
starb.Ausgestellt ist einFotovon ihmmitHelmundGewehralsVergrößerung
auseinemZeitungsausschnitt.NurvereinzelteElementegehen ineineandere
Richtung: etwa die Geschichte eines namentlich benannten Mädchens, das
nachdemAufstanddieStadt verlassenmussteundzweiPuppenmitnahm, eine
von ihrenund eine ihrer getöteten Schwester. Auchdie Kinderwerden also zur
ungebrochenenIdentifikationmitdemAufstandeingeladen.
AußerhalbdiesesRaumswirft derBesuchvonKindergartenkindern jedoch
dieFrageauf,wiediesedavorgeschütztwerdenkönnen, ‚drastische‘Film-und
Fotodokumenteanzusehen.ÄhnlichwiedasUSHMMhatauchdasWarschauer
Aufstandsmuseum diese auf erhöhten, waagrechten Flächen angebracht, die
voneinerArtMauerumgebensind.Paradigmatisch fürandereMuseenverdeut-
licht die Praxis hier jedoch die Problematik dieses Zugangs: Das Unerreichbare
übt einen besonderen Reiz aus und daher heben viele Eltern ihre Kinder hoch.
Obwohl dort einWarnschild sagt: „Attention!Drastic scenes!“ sehendieKinder
dannbeider Installation imErdgeschossetwaOpfermedizinischerExperimente,
anonyme Leichenberge und verstümmelte Opfer aus demWarschauer Ghetto,
ausDachau, Auschwitz, Birkenau, Ravensbrück,Mauthausen sowie polnischen
Orten vonMassakernwie etwa jenem inWawer, einemStadtteilWarschaus, im
Jahr 1939. Dies führte jedoch nicht dazu, die patriotische Einladung an Kinder
grundlegendzuüberdenken.
TrotzdiesespatriotischenCharaktersdesMuseumsmussaberauchfestgehal-
tenwerden, dass es imGegensatz zumHausdes Terrors nicht vollendsdasKon-
zept eines Bühnenbilds übernimmt: „After all, an exhibit is not the same as a
stagedecoration.Nevertheless, the exhibit shouldput visitors in a certainmood,
provideacontext, facilitateanencounterwiththemementosofhistory,helpinter-
pretandunderstandthem“, soderGuide. (Dąbkowska-Cichockaetal.2007a,10)
IneinzelnenindividualisierendenTeilenderAusstellungwerdenauchSchick-
sale vonAufständischenvorgestellt. ZahlreicheKurzbiographienermöglichen
Empathiemit denVerfolgtenundKämpferInnen–der durch dieAusstellung
ausgelösten Überwältigung und Kritik in vielerlei Hinsicht zum Trotz. Einen
Schwerpunkt bildet die Sicherung lebensgeschichtlicher Zeugnisse zumAuf-
stand.2009habenetwaMuseumsangestellteundFreiwilligeimRahmenderErwei-
terung der Abteilung oral history 450 Gesprächemit ehemaligen Aufständischen
geführt–700StundenanaufgezeichnetemMaterial. (Król 2011, 186)DasMuseum
sei inmancherHinsicht
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Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918