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lived on – in the underground, governed by completely legitimate supreme
authorities, holding office in exile: the President, Government and Comman-
der-In-Chief.“ (Dąbkowska-Cichocka et al. 2007a, 66) Borodziej zeichnet hin-
gegen in seinem Buch über den Warschauer Aufstand ein differenzierteres
Bild, wenn er darauf hinweist, dass in Polen ab 1926 nach dem Putsch von
Józef Piłsudski–dessenName imGuidemit keinemWort erwähntwird– ein
Militärregime geherrscht habe, aus deren Rängen sich der Untergrundstaat
nach 1939 teilweise gespeist habe,währenddieOppositiondiesen als bloßen
VersuchderWiederherstellungdes autoritärenRegimes ansah. (Borodziej 2006,
18)WiedasestnischeMuseumderOkkupationen,das litauischeMuseumderGe-
nozidopferunddasHausdesTerrors inBudapestsetztsichauchdasWarschauer
Museumnicht kritischmitder autoritärenWende inderZwischenkriegszeit aus-
einander.149 Nach demdeutschenÜberfall auf Polen haben Borodziej (2006,
18) zufolge alle Parteien ihre eigenenUntergrundorganisationeneingerichtet.
Was Borodziej (2006, 19) neutral als ein Rennenumdie politischeDominanz
imWiderstandskampfbeschreibt, existiert imNarrativdesMuseumsdesWar-
schauer Aufstands einzige als Dichotomie „polnischer Untergrundstaat“ vs.
kommunistische„Renegaden“. (Dąbkowska-Cichockaetal. 2007a, 122)
DasMuseumdesWarschauer Aufstands lässt sich keinemder beiden oben
entwickeltenTypeneindeutigzuordnen,wennauchParallelenzudenbaltischen
MuseenunddemHausdesTerrors feststellbarsind:DiesowjetischenVerbrechen
werdenmit mehr Emotion geschildert als jene der ‚Deutschen‘. ‚Unsere‘ polni-
schenOpferwerden individualisiert, die jüdischenOpferweitestgehendanonym
dargestellt–Romakommennichtvor.Feststeht,dassesmitseinemdieBesuche-
rInnen ins Aufstandsgeschehen involvierenden Ausstellungsdesign und in der
MobilisierungderBevölkerungundinsbesonderederJugendfürpatriotischesGe-
denkendurchRockkonzerte,Comicwettbewerbe,historischeNachstellungendes
Aufstands etc. sehr erfolgreichwar und ist. (De Bruyn 2010; Kurkovska-Budzan
2006, 139)DasMuseumdesWarschauerAufstandsstehteinerseits füreinespäte
unddringendnötigeWürdigungderAufständischen, andererseits steht dasMu-
seumsnarrativ für die autoritäre, von Feindbildern undVerschwörungstheorien
geprägtepolityka historycznabereits der erstenÄrader Kaczyński-Brüder 2005–
2007. Ein Jahr nachdemFlugzeugabsturz am 10.April 2010, bei demPräsident
Lech Kaczyński ums Leben kam,wurde „imNamen der Aufständischen und
149 Auch imKatalog einer vomMuseumdesWarschauerAufstands erarbeitetenAusstellung
inderBerlinerTopographiedesTerrors 2014wirddieweitgehendeAbschaffungderDemokra-
tiemehrfach elegant umgangen,wenn immernur vonnationaler SelbstbestimmungdieRede
ist. (Grabowska2014,50;56) 4.3 Die2000er:DieKommunikationmit ‚Europa‘ 223
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918