Page - 257 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 257 -
Text of the Page - 257 -
entlassen. 2014 zahlte danndas staatlicheMuseumfürmehrereMonate keine
Gehälter an die MitarbeiterInnen aus, sodass kompetenteWissenschaftlerIn-
nendie Institutionverlassenmussten. StaatssekretärAndrás LeventeGál ver-
langte eine Neubewertung der Rolle Horthys, und immer wieder wurde eine
Änderungdiskutiert. Eskamnur zueiner kleinen, etwaskuriosen: Einerderna-
tionalistischenKritikpunkteanderAusstellungwar,dass imAbschnittüberden
EntzugderRechtevonJüdinnenundJudenzwischen1920und1942BischofOtto-
kárProhászkazusehen ist, derbeiderVerabschiedungdesantisemitischenNu-
merusClausus 1920eineentscheidendeRolle spielte. Es sei illegitim,Prohászka,
der 1927 gestorbenwar, nebenHitler, der 1933 andieMacht kam, auszustellen.
(Molnár2012)ZwischenzeitlichwurdedasFotodesBischofsdeshalbdurcheinen
Vorhangverhüllt,was jedochnurzurFolgehatte,dassdieBesucherInnenunbe-
dingtwissenwollten,wassichdahinterverbarg,weshalbderVorhangraschwie-
derentferntwurde.
Konntemaninden2000erJahreninBezugaufdasHausdesTerrorsunddas
Holocaust-GedenkzentrumnochvoneinergewissenPluralitätderGeschichtspoli-
tik sprechen, einer Verklärung der ‚Wir‘-Gemeinschaft vs. einer selbstkritischen
Aufarbeitung, soverschiebt Fidesz seit 2010diedominanteGeschichtserzählung
mitallerKraft inRichtungdesbereitsausdemHausdesTerrorsbekanntennatio-
nalistischenNarrativs. So ließ die Fidesz-Regierung imungarischenHolocaust-
Gedenkjahr 2014, dem 60. Jahrestag der Deportationen, am Freiheitsplatz das
„Denkmal für die Opfer der deutschenBesatzung“ errichten, das aufgrund von
Kritik imVorfeldnachtsohneöffentlicheZeremonieenthülltwurde.Eszeigtden
Erzengel Gabriel, der die kollektive ungarische Unschuld darstellt, wie er vom
deutschenReichsadler attackiertwird. (Abb. 53) DieVerantwortungHorthys für
die bereits vor seiner Absetzung erfolgte Deportation der ungarischen Jüdinnen
und Juden wird somit gänzlich externalisiert und ‚Deutschland‘ zugeschoben.
Obwohl die Presse- und Meinungsfreiheit in Ungarn seit 2010 immer weiter
eingeschränktwird, rief dieseGeschichtsfälschung sichtbarenProtest hervor.
Das vor demMahnmal bereits während seiner Bauzeit spontan entstandene
Gegen-Mahnmal besteht bis heute–und zeigt beispielsweise Privatfotos von
Holocaust-OpfernmitderBildunterschrift:„FamilieSpiegel, vomErzengelGa-
brielnachAuschwitzdeportiert“.
EinanderesFidesz-Projekt,dasebenfalls für 2014geplantwar, istdieEröff-
nung eines zweiten Holocaust-Museums in Budapest. Im Gegensatz zum von
hohenMauernumgebenenHolocaust-Gedenkzentrum inder engenPáva-Straße
soll das weithin sichtbare neue Museum am Józsefváros-Bahnhof, von wo aus
1944 die jüdische Bevölkerung der Budapester Vorstädte deportiert wurde, das
neueFideszscheHolocaust-Narrativ repräsentieren. (Abb. 54)DerName „Haus
der Schicksale“ (Sorsok Háza) orientiert sich am Haus des Terrors. (Radonić
4.4 Seit2010:NeuesteEntwicklungeninpostsozialistischenMuseen 257
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918