Page - 260 - in Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen - Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
Image of the Page - 260 -
Text of the Page - 260 -
Bei einer Pressekonferenz über dieMuseumsplanung versuchte Gergely Gu-
lyas, der Nachfolger Lázárs im Kanzleramt, der die Museumsagenda 2018 über-
nahm,„Ängste“bezüglichdesdrohendenAusblendensungarischerMittäterschaft
zuzerstreuen.Dochzeigtesichdabei,dasssichseinerEinschätzungnachdasVer-
sagen des ungarischen Staates darauf beschränkte, seine jüdischenBürgerInnen
nachder deutschenBesatzungnicht beschützt zu haben. (Zit. n. JerusalemPost,
16.9.2018)
ImSeptember 2019 leakte danndie ungarischeWochenzeitungMagyarNa-
rancsEMIHsVisionDocument, dasdieEMIHimJunides Jahresder IHRApräsen-
tiert hatte. (Laczó 2019)AuchwenndieAusstellungalsonochnicht existiert, ist
esmöglich,diesesKonzept zuanalysieren. Zunächst fällt der angesichtsdesGe-
genstandes Holocaust ungewöhnlich fröhliche Ton des Konzepts auf: Die Ge-
schichteder JüdinnenundJuden inUngarn„offersanextraordinaryopportunity
to tell a rich, textured, engaging, relevant, and largely unknown story. It opens
thedoor toweavingadistinctlyHungariannarrative, creatingan institutionand
experience unlike any other.“ (EMIH 2019, 5) Die anonymenAutorInnenwollen
Begeisterungschaffen („createabuzz“; EMIH2019, 11), indemsiedenFokusauf
individuelleGeschichtenlegen,Emotionenhervorrufenundein„immersiveenvi-
ronment“kreieren.
Das Dokument versucht, einen Sinn imHolocaust zu finden und positive
Schlüsse daraus zu ziehen.Wenn etwa „the worst exclusions of the war era“
erwähntwerden, so nur, um fortzufahren, dass sogar in dieser Periode „lively
interactionsbetweenJewsandtheirneighbours“stattgefundenhätten.Dieanti-
jüdischen Gesetze der 1930er Jahre werden vier Mal erwähnt, doch niemand
wirdalsdafür verantwortlichbenannt.DiePfeilkreuzlerInnenwerdenerst zum
EndederBroschürehinerwähnt,aberanstattals„ArrowCross“als„Hungarian
Iron Cross Movement“ bezeichnet. YitzchakMais, der ehemalige Direktor des
HolocaustHistoryMuseuminYadVashemundseit 2019Vorstandsvorsitzender
desMuseums erklärte, dass der Englischlektor es bloß falsch korrigiert hätte.
(Veszprémy2019)DieungarischeMitverantwortungkommtzweimalals„active
collaborationof theHungarianauthorities“ (EMIH2019, 14), aber ohneweitere
Details vor.Wie schonvonSchmidt geplant liegt auch lautdemKonzeptpapier
der Fokus auf jüdischenKindernundungarischen ‚Judenrettern‘, den „unique
personal storiesofHungarian rescuerswhochose,oftenat the riskof theirown
lives, to followtheirconscience.“ (EMIH2019,9)ZielderAusstellungseies
to strikeabalance, avoiding the implication thatHungarywas simplyavictimofoutside
forces, while equally steering clear of indictingHungarian society as awhole.More im-
portantly, suggesting collectiveblamecancreate a senseof hopelessness and/ordefensive-
ness in visitors […]. Peoplewill understand the complexity of theHolocaust, andempathize
260 4 DerZweiteWeltkrieg imMuseum
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918