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vorhandenennationalenGeschichte-undMilitärgeschichtemuseenzeichnensich
durch einweitgehendes Fehlen einesNarrativs aus. Ambesten verdeutlicht das
ein Schaukasten imNationalenGeschichtemuseum inSofia, in demvöllig ohne
jedeDeutungoderWertungaufdereinenSeitediebulgarischeKollaborationmit
denAchsenmächtenbis 1944,aufderanderenSeitederPartisanInnenkampfda-
gegenunddievonderKönigsdiktaturbetriebenenLagerausgestelltwerden.Wer
hierverbrecherischagiertundwerderHeld inderGeschichte ist,könnendieBe-
sucherInnen gänzlich frei entscheiden, wobei dieMuseumspublikation dann
doch einNarrativ nahelegt: Solange es imDienste der bulgarischen (oder ru-
mänischen)Sachegeschieht, ist allesheldenhaft.DieOpfer,gar individualisierte
Opfergeschichten, fehlenhier.
Einweiteres Ergebnis der vergleichendenUntersuchung ist die Dominanz
desTrends,unterschiedlicheOpfergruppen inein-unddemselbenMuseumun-
terschiedlich darzustellen.Wie anders ‚unsere‘ und ‚ihre‘Opfer jeweils darge-
stelltwerden,war fürmicheinedergrößtenÜberraschungen indiesemProjekt.
Die drei Museen der ersten Gruppe, das slowakische, kroatische und das Holo-
caust-Gedenkzentrum in Budapest, die ihr ‚Europäischsein‘ unter Beweis stellen
wollen, sind auch die einzigen, die Roma-Opfer als Folge der ‚Universalisierung
desHolocaust‘undder ‚EuropäisierungderErinnerung‘ in ihreAusstellungen in-
kludiert haben, jedoch sehrweit unten in der ‚Hierarchie der Sichtbarkeit‘. Und
während die anderen Opfer, in diesenMuseen auch die jüdischen,mithilfe von
PrivatfotosundKurzbiographienindividualisiertdargestelltwerden,werdenRoma
stereotyp, teils unter Zuhilfenahme antiziganistischer Klischees, in keinem
der Fälle aber individualisiert dargestellt. Dass dies sehrwohlmöglichwäre,
beweist etwa die ausschließlich demGenozid an denRomaund Sinti gewid-
mete Ausstellung imdeutschen Länderpavillon im StaatlichenMuseumAusch-
witz-Birkenau.
InderanderenGruppederMuseen(diebaltischenunddasHausdesTerrors),
diedenFokusaufdenstaatssozialistischenTerror legt, istesvorallemdieErinne-
rungandie jüdischenOpfer,die fürdie ‚eigene‘Opfererzählungbedrohlichwirkt.
Währendüber300Objekte inRigadieGeschichtenderOpfersowjetischenTerrors
Empathieweckendundindividualisiertvermittelten, sahman(biszumAbbauder
Ausstellung 2012) von jüdischen Opfern nur erniedrigende Täterfotos und einen
Davidstern, der keine individuelle Verfolgungsgeschichte erzählte. In Vilnius be-
endetdie2011hinzugefügtekleineAusstellungüberdieNS-ZeitdasVerschweigen
der Gestapo-Vergangenheit desGebäudes. Dochwährenddie ‚eigenen‘Opfer so-
wjetischerVerbrechenmitunzähligenPrivatfotos,GegenständenundKurzbiogra-
phienvorgestelltwerden, tretendie jüdischenOpfervorallemalsanonymeMasse
undentpersonalisiert inZahleninErscheinung. 5 Fazit 281
Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Title
- Der Zweite Weltkrieg in postsozialistischen Gedenkmuseen
- Subtitle
- Geschichtspolitik zwischen der ‚Anrufung Europas‘ und dem Fokus auf ‚unser‘ Leid
- Author
- Ljiljana Radonić
- Publisher
- DE GRUYTER
- Date
- 2021
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-072205-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 338
- Keywords
- Gedenkmuseen, postsozialistische Transformationsprozesse, Zweiter Weltkrieg, Europäisierung der Erinnerung, Universalisierung des Holocaust, Geschichtspolitik
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen
- Geschichte Nach 1918