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Maddalena Guiotto
zensur übte. Der informative Charakter der „Quindicina internazionale“ war
nicht unbedeutend und neutral. So war es üblich, Artikel aus Fremdsprachen
zu übersetzen, was als Denkanstoß gedacht war.
Österreich spielte in den Artikeln De Gasperis eine bedeutende Rolle, er
schrieb über
Wien, einstige Schmiede politischer Apparate und Regime, historisches La-
boratorium für Kombinationen, Methoden, Kompromisse, zwischen Rea-
ktion und Liberalismus, zwischen Absolutismus und Demokratie, zwischen
slawophilem Föderalismus und deutschem Zentralismus.78
Er zitierte mehrfach Beiträge aus der österreichischen Tageszeitung „Reichs-
post“, die er schon aus seiner Studentenzeit in Wien gut kannte. Aber es war
nicht nur ein nachvollziehbares biografisches Interesse des ehemaligen Stu-
denten und Parlamentsabgeordneten, das seine Aufmerksamkeit auf die Er-
eignisse in Österreich lenkte. Österreich war der Ort eines konstitutionellen
Experiments, das De Gasperi für fähig erklärte, einige grundlegende Proble-
me der Epoche zu bewältigen. Der Staatsmann Monsignor Ignaz Seipel, der
zweimal Bundeskanzler war, hatte dem „Spectator“ zufolge als erster ver-
standen, dass es galt die Reaktion gegen den parlamentarischen Verfall zu lenken.
Dies war möglich gewesen, indem sich die Mächte auf die Exekutive konzentrieren
und eine Reform der legislativen Methoden antragen, nach dem Schema der Ver-
tretung der organisierten Interessen. Es ist noch immer der Geist des bedeutenden
Staatsmannes, der in den Christsozialen weht: […]79. Der finanzielle Wiederauf-
bau Österreichs nach dem Krieg war Seipels Verdienst; er war es aber auch,
der dem österreichischen Staat Ende der Zwanzigerjahre die autoritäre Rich-
tung gewiesen hatte. Ernüchtert von den lähmenden Parlamentsdebatten und
der Obstruktion der Sozialdemokraten, entfernte er sich immer weiter von
der parlamentarischen Demokratie und nach den Ereignissen im Juli 1927,
mit dem Brand des Wiener Justizpalastes, hielt Seipel die Loslösung von der
parlamentarischen Demokratie für eine wahre Demokratie. Am Ende stützte er
78 Spectator [Alcide De Gasperi], La quindicina internazionale, 1. Juli 1933, in: De Gas-
peri, Scritti e discorsi politici, Bd. II/3 2074 [im Folgenden: Spectator, QI]. (Übers. d. Verf.)
79 Ebd. 2075. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918