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Alcide De Gasperi und die österreichische Politik vom Reich bis zum „Anschluss“
sich auf die zum Teil faschistische Heimwehr80 und stärkte mit der Bundes-
verfassung von 1929 die Rolle des Bundespräsidenten. In den letzten Jahren
seines Lebens ließ sich Seipel bei seiner Idee einer neuen Sozial- und Staats-
struktur auf ständischer Basis, die sich immer weiter von der Demokratie
entfernte, von der Enzyklika „Quadragesimo anno“, inspierieren. Seine In-
terpretation der Enzyklika stieß auf weitgehende Akzeptanz, zumindest im
politischen Katholizismus Österreichs81. Darauf berief sich auch der christ-
soziale Kanzler Engelbert Dollfuß, der ab Mai 1932 regierte.
Das Interesse De Gasperis für das, was in Österreich geschah, war
auch ein sehr zentrales Thema der „Quindicine“, nämlich die Krise des Par-
lamentarismus, die sozusagen den Hintergrund für die Deutung der zeitge-
nössischen politischen Notlage darstellte. Nicht einmal versuchte er, seine
Leser von dem unverzichtbaren Vorrang der repräsentativen und parlamen-
tarischen Methode zu überzeugen. Mehr als auf die Verteidigung der libera-
len Demokratie berief er sich auf die geschlossene und einheitliche Präsenz
von Kräften, die sich als Element des Gleichgewichts, der Mäßigung und der
Zivilisation am Katholizismus in der Gesellschaft und in der Politik orien-
tierten82.
Nach den Ereignissen vom 4. März 1933 mit dem Rücktritt der drei
Präsidenten des Nationalrats erklärte Dollfuß die Selbstausschaltung des
Parlaments. Der Staat befand sich jedoch in keinem Ausnahmezustand, weil
die Regierung handlungsfähig war. Dollfuß regierte infolgedessen autoritär,
ohne Parlament, auf Grundlage des „Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungs-
gesetzes“ aus dem Jahr 1917. Das Gesetz hatte dem schnellen Erlass von Wirt-
schaftsverordnungen im Ersten Weltkrieg gedient. Dollfuß war entschlos-
sen, keinen neuen Zusammentritt des Parlaments zuzulassen und nutzte die
Polizeikräfte, um dies zu verhindern, wobei er mit der Verfassung von 1920
80 Zur Heimwehr siehe Lothar Höbelt, Die Heimwehren und die österreichische Politik
1927–1936: vom politischen „Kettenhund“ zum „Austro-Faschismus“? (Graz 2016).
81 Ignaz Seipel war Bundeskanzler von 1922 bis 1924 und von 1926 bis 1929. 1930 war er
Außenminister. Zu seiner Person siehe: Klemens von Klemperer, Ignaz Seipel. Staatsmann
einer Krisenzeit (Graz–Wien–Köln 1976); Franz Schausberger, Ignaz Seipel im Spannungs-
feld zwischen Gott und Staat, in: Die umkämpfte Republik. Österreich 1918–1938, hrsg. von
Stefan Karner (Innsbruck–Wien–Bozen 2017) 353–357; Walter Goldinger und Dieter A. Bin-
der, Geschichte der Republik Österreich 1918–1938 (Wien–München 1992) 134–159.
82 Formigoni, L’Europa vista dal Vaticano 189, 193.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918