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Maddalena Guiotto
De Gasperi schloss seine Überlegungen mit der Beobachtung: Dollfuß starb
wie ein Besiegter und dennoch ist er ein Sieger! Vor seinem edlen Idealismus sollen
Machiavellisten, Realisten und Skeptiker allesamt lieber den Kopf senken.98
Trotz der unterdrückenden und autoritären Eigenschaften seiner Regierung
wurde Dollfuß, genauso wie andere katholisch orientierte Regierende, für De
Gasperis zum Symbol für diesen goldenen Mittelweg, der das Kennzeichen und
der Verdienst der derzeitigen katholischen Politiker ist 99. Sie wurden Symbole für
eine versöhnliche Bestrebung, die weit von den ausschreitenden Extremismen
der Zeit entfernt war 100. Es lässt sich unbestreitbar behaupten, dass der christliche
Gedanke, der ihre Vorstellungen und ihre Einstellungen beeinflusst, als mäßigendes
Element und als Strömung hin zu Gerechtigkeit wirkt.101 Jene katholischen Politiker
schienen die Bestätigung dieses katholischen „Mittelweges“, der eine richtige
Mitte zwischen dem individualistisch und dem totalitär ausgerichteten Staat102 sein
konnte. Es war ein „Mittelweg“, der seinen Ursprung in der christlichen Reli-
gion und insbesondere in der thomistischen Philosophie fand.
Mit Anspielung auf eine Rede eines österreichischen Ministers berichte-
te De Gasperi im Jänner 1934 von der Wiedergeburt des Wiener Antisemitismus:
Die antisemitische Tradition, die auf Zeiten von Karl Lueger zurückgeht, wird
hier durch die Wirkung der hitlerischen Propaganda wiederbelebt, aber sie
nährt sich vor allem von der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit der Klasse der
Intellektuellen in einem lebendigen Kontrast zu der Mehrzahl der jüdischen
Minderheit in einigen freien Berufen steht.
De Gasperi schien die Einflüsse des Wien zu Beginn des Jahrhunderts und die
Stärke der zeitgenössischen Propaganda zu spüren, als er an der übermäßigen
jüdischen Präsenz in der Gesellschaft festhielt. So räumte er in der „Quindici-
na“ Platz für die Meinungen jener ein, die eine Begrenzung dieser behaupte-
ten Vorherrschaft im Bereich der Kultur und Freiberufe unterstützten und die
jungen Österreicher den jungen Juden entgegenstellten, so, als wären Letztere
98 Spectator, QI, 16. August 1934 2204 ff. (Übers. d. Verf.)
99 Spectator, QI, 16. November 1935 2368. (Übers. d. Verf.)
100 Vecchio, Alcide De Gasperi. Le sconfitte di un politico di professione 157 f.
101 Spectator, QI, 16. November 1935 2366. (Übers. d. Verf.)
102 Spectator, QI, 1. Mai 1934 2164. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918