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Maddalena Guiotto
er sich wenig mit Österreich und wenn er dies tat, dann zur Erinnerung an
dessen korporative Organisation, die als an den Vorschriften der kirchlichen
Soziallehre orientierte korporative Demokratie bezeichnet wurde.
Ab März 1938 beschäftigte sich De Gasperi wieder recht ausgiebig mit
Österreich, als das Land dabei war, Hitlers Anschlusspolitik nachzugeben.
Dabei machte er auf die Ursprünge der verschiedenen Strömungen im Wien
des Fin de Siècle aufmerksam und hielt sich bei den Christsozialen, den pan-
germanischen Kreisen und ihren Anregern sowie eben auch bei dem jungen
Hitler auf. Auf die damals gegenwärtige Situation in Wien und auf den sich
abzeichnenden „Anschluss“ zurückkommend, fügte er hinzu, dass es sich
nicht nur um politisch-rechtliche Grenzen handle, sondern die Grenze, die in
Wien verteidigt wird, ist eine Grenze der Meinungen, der Bestrebungen, der Weltan-
schauung. Er hoffte aufrichtig, dass auch auf Grundlage des Berchtesgadener
Abkommens zwischen Hitler und Schuschnigg dies nur ein Meinungskampf
sein könnte, geführt allein mit den Waffen des Geistes. Und mit Bezug auf die Na-
tionalsozialisten schrieb De Gasperi:
Ihr zieht aufs Feld für den Triumph der Rasse, habt Europa als Kampfplatz
und könnt den Gegner in allen Teilen der Welt wählen. Lasst also das kleine
Österreich sein Experiment fortführen, das die Geschichte seiner Kultur be-
stimmt hat.106
Aber der österreichische unabhängige Staat wurde vom „Anschluss“ über-
rollt, der sich am 12. und 13. März mit dem Einmarsch der deutschen Truppen
in Wien vollzog und am darauffolgenden 10. April mit einer Volksabstim-
mung bestätigt wurde. De Gasperi informierte über die Ereignisse und die
schnelle Errichtung des Naziregimes. Seine Berichterstattung war ziemlich
aseptisch, auch wenn er an mehreren Stellen nicht anders konnte, als mit
Betrübnis auf das Ende des politisch-sozialen korporativen Experimentes zu
blicken. Auch wenn es in Europa vielfach diskutiert und kritisiert worden
war verdiente es das weltweite Interesse der Katholiken107.
Harsch war hingegen die Reaktion von De Gasperi auf das, was er
den österreichischen Umschwung nannte. Er drückte sich nicht direkt aus,
106 Spectator, QI, 1. März 1938 2683–2686. (Übers. d. Verf.)
107 Spectator, QI, 1. Mai 1938 2707. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918