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Lothar Höbelt
die Regierung, als parlamentarischer Mehrheitsbeschaffer, weil ihre Hand-
voll Mandate gerade ausreichte, das Minderheitskabinett von Bundeskanzler
Engelbert Dollfuß vor einem Misstrauensvotum zu bewahren21.
2. Die „berufsständische Ordnung“
Soweit der machtpolitische Hintergrund. Wie stand es um die inhaltliche
Konvergenz, um die Ausstrahlungskraft des Faschismus? Die Diplomaten
zeigten sich in dieser Beziehung in der Regel skeptisch: So war z.B. Außen-
minister Dino Grandi ein prinzipieller Gegner ideologischer Allianzen in
außenpolitischen Fragen und machte sich über die fantasmi e fantocci lustig,
die sich um Mussolini als Papa dell’antidemocrazia sammelten22. Giacinto Au-
riti, der langjährige Gesandte in Wien, hatte schon 1928 betont: Was den Fa-
schismus betrifft, so ist es allgemein bekannt, dass in diesem Land niemand den Kern
begriffen hat; für die Gegner und die selbst ernannten Bewunderer ist es nicht mehr
als ein „reaktionäres“ Regime; das Integral entgeht ihnen völlig.23 1931 berichtete
dann der Innsbrucker Konsul über eine Heimwehrkundgebung, die meisten
Teilnehmer seien für den Faschismus, doch ohne zu wissen, was er ist – auch
wenn im Zeichen der Wirtschaftskrise diesmal mehr die gesellschaftspoliti-
sche Komponente im Vordergrund stand: Sie betrachteten es als eine Möglichkeit
für einen Ausgleich zwischen Reichen und Armen.24
21 Üblicherweise ist in der Literatur von der einen knappen Mehrheit von bloß einer
Stimme die Rede; de facto handelte es sich beim Kabinett Dollfuß jedoch um eine Minder-
heitsregierung, die nur mit 80 bis 82 von 165 Abgeordneten rechnen konnte. Von den Man-
dataren des Heimatblocks stimmten sechs mit der Regierung, zwei mit der Opposition. Gö-
rings Schwager Hueber legte sein Mandat zurück – und ermöglichte dadurch der Regierung
das Überleben; vgl. Höbelt, Provisorium 269 ff.
22 Vgl. Paolo Nello, Dino Grandi (Bologna 2003) 7, 92 f., 101. Das Tagebuch Grandis (Ar-
chivio Storico del Ministero degli Affari Esteri (ASMAE) Carte Grandi, busta 16) enthält
für seinen Wien-Besuch nur Reflexionen über den Untergang des Habsburgerreiches, kei-
ne Details über seine Kontakte in Wien. Mussolini begann seine frühere Auffassung, der
Faschismus sei kein Exportartikel, allerdings gerade in den Jahren 1930–32 im Sinne eines
„universellen“ Auftrages zu modifizieren (Renzo De Felice, Mussolini il duce I, Gli anni del
consenso, 1929–1936 (Torino 1974) 307 ff.).
23 DDI VII/6, 249 (26.4.1928). (Übers. d. Verf.)
24 ASMAE, Rappresentanze diplomatiche, Vienna 1862–1938, busta 306, F 2 (Heimweh-
ren), Bericht vom 24.2.1931. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918