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Lothar Höbelt
Anklänge an den Staatssozialismus gegeben32. Der Mangel der faschistischen
Lehre bestehe eben darin, der Staat ist ihr die Organisation schlechthin. Aus der
philosophischen Sicht der „Ganzheitslehre“ bedeutete das: Er habe noch
nicht alle Eierschalen des Individualismus abgestreift. In der ersten Auflage sei-
nes Buches, die 1929 erschien, hieß es: Die Syndikate mit ihrer klassenmäßigen
Gegenüberstellung sind doch noch Liberalismus auf höherer Ebene33.
Heinrich hatte übrigens kein Problem damit, den Begriff „totalitär“
bloß als eine Umschreibung des von Spann geprägten Begriffs „ganzheit-
lich“ zu vereinnahmen. Doch die Formel, wie sie Mussolini schon in den An-
fangsjahren prägte: Nichts gegen den Staat, nichts ohne den Staat, lief der
„Ganzheitslehre“ zuwider. Spann hatte – in einem gewissen Gleichklang mit
dem „Absterben des Staates“, wie es Marx für den Sozialismus vorhersagte
– vielmehr gepredigt, die Stände müsse etwas vom Staat in sich auffressen. Der
Staat sollte sich nicht mit den Sorgen des Alltags abgeben, sein wahres Element
sei das Heroische und das Geistige. Die ständische Ordnung, wie sie ihm vor-
schwebte, war ganz eindeutig zur Entpolitisierung der Massen gedacht, nicht
zur Mobilisierung für die Nation wie bei Mussolini34. Walter Heinrich trug
diese Bedenken übrigens auch Mussolini selbst vor. Der Duce ließ sich frei-
lich in keine philosophischen Debatten mit dem Besucher ein und antwortete
als praktischer Politiker, in Italien könne man nicht anders verfahren, die
Italiener seien für die Selbstverwaltung noch nicht reif. Heinrich trug dieser
Aussage in den späteren Auflagen seines Buches mit der Passage Rechnung:
Für Übergangszeiten am Wege zum Korporativismus würden natürlich noch
zentralistische Formen gebraucht35.
Ein gewisser Schuß an nationaler Überheblichkeit wurde dennoch deutlich,
wenn Heinrich fortfuhr, dies sei vor allem bei einem zwar geistig vielseitigen,
aber organisatorisch weniger begabten Volk verständlich. Seine Schlussfolge-
32 Walter Heinrich, Die Staats- und Wirtschaftsauffassung des Faschismus (Berlin 1929,
31932) 120, 133.
33 Heinrich, Faschismus 78, 170; 1. Auflage 72.
34 Spann, Der wahre Staat 215, 169; Schneller, Zwischen Romantik und Faschismus 45.
35 Österreichisches Staatsarchiv (ÖStA), Allgemeines Verwaltungsarchiv (AVA),
E/1700:57, Heinrich fol. 17. Bottai teilte diese Kritik Heinrichs, zumindest im Rückblick, wenn
er Mussolini vorwarf: Von der politisch zentralisierten Gewalt und der maximalen Dezentralisation
im sozial-ökonomischen Bereich, hat er, der „Capo“ nur den ersten Aspekt realisiert. (Über. d. Verf.)
(Guerri, Bottai 221).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918