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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
Das Bedürfnis, die Ursprünglichkeit des christlichen Menschenbilds des
Korporativismus zu unterstreichen, sich gleichzeitig aber gegenüber dem fa-
schistischen Wirken im korporativen Bereich nicht feindlich zu zeigen, wur-
de in einem Artikel von Don Jacopo Banchi zum Ausdruck gebracht. In den
Kolumnen der „Gioventù Italica“ merkte er an, dass für die Katholiken die
Korporation frei, autonom, repräsentativ für die Klasse und den Beruf, sogar fern
von jedem politischen Zweck sein müsse; die Tatsache, dass diese ein Staats-
organ zur Führung und Kontrolle des gesamten nationalen Wirtschaftslebens werde,
sei eine originelle Idee Mussolinis, die einen ganzen sozialwirtschaftlichen Prozess
revolutioniert. Andererseits hob Banchi die geschickte Vorsicht hervor, mit der
der Faschismus nach 12 Jahren die Umsetzung des Ständestaats vollenden wollte.
Seine Überlegungen beendete er auf eine Art und Weise, die kaum wie eine
Distanzierung von der Regierungspolitik klang: Jede Art des gesellschaftlichen
Lebens hat ein Vertretungssystem gehabt, das es zum Ausdruck brachte, und die
demokratischen Parlamente sind die Vertretung einer atomistischen und individua-
listischen Gesellschaft, die in Italien bereits untergangen ist37. Die einige Monate
später in der gleichen Zeitschrift publizierten Ausführungen von Francesco
Vito lauteten ähnlich. Anlässlich der 19. „Sozialen Woche“ der italienischen
Katholiken hob er die Notwendigkeit einer vollständigen Regelung der Beschäfti-
gungsverhältnisse hervor, die nicht außerhalb des Staats umgesetzt werden konnte
und die vor allem einheitlich, nach klar definierten Kriterien sein musste im Hin-
blick auf die Verteidigung der menschlichen Persönlichkeit, welche durch die Arbeit
offenbart wird. Angesichts dieser Forderungen, so schlussfolgerte Vito, zeigt
uns die korporative Ordnung der Gesellschaft das passende System zur Verwirkli-
chung dieser Regelung38.
Auch die FUCI und das Movimento Laureati di Azione Cattolica, das
Ende 1932 von Igino Righetti und Monsignore Giovanni Battista Montini ge-
gründet wurde und sich aus der FUCI entwickelte, beschäftigten sich mit
dem Thema des Korporativismus. Dabei nahmen sie sich Beiträgen und Be-
trachtungen von der FUCI und der Azione Cattolica nahestehenden Intellek-
Corporazione, Ebd. 412 f.). Im April 1935 brachte die Zeitschrift eine Einführung des bereits
erwähnten Band I problemi fondamentali dello Stato corporativo heraus, in: Bollettino Uffi-
ciale dell’Azione Cattolica Italiana 4 (1935) 118 f.
37 Jacopo Banchi, Dal socialismo al corporativismo di Stato, in: Gioventù Italica 4 (1934)
121 f. (Übers. d. Verf.)
38 Francesco Vito, I problemi morali del lavoro, in: Gioventù Italica 2 (1935) 39. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918