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Paolo Valvo
dem der in Deutschland in der „Nacht der langen Messer“ ermordeten deut-
schen Katholiken in Verbindung80. Die Parallelität der tragischen Ereignisse
in Österreich und der Mordwelle, die vom Hitlerregime am vorangegange-
nen 30. Juni losgetreten worden war, stand auch im Zentrum der Analyse
von Giuseppe De Mori, der sich in „Gioventù Italica“ auf die unterschied-
liche Haltung von Hitler und Dollfuß gegenüber Gewalt konzentrierte. Wäh-
rend Ersterer mit der „Nacht der langen Messer“ einen moralischen Bruch ge-
schaffen hatte, mit dem das nationalsozialistische Deutschland von der gesamten
aufständischen Zivilwelt im Namen der Menschlichkeit, wenn nicht im Namen der
Christlichkeit abgeschnitten werden sollte, hatte Dollfuß, der sich mit blutendem
Herzen einer Gewaltsituation stellen musste, der „rohen Gewalt“ die Gewalt des
Gesetzes, sei sie auch erbarmungslos wie die Stimme des Geschützes entgegenge-
setzt und die Verfassung geändert, um mit dem Gesetz den nationalsozialistischen
Terrorismus zerschlagen zu können, der seinen „Haken-Kreuzzug“ gegen das christ-
liche Österreich proklamiert hat. In dieser Dollfuß-Hitler-Antinomie, in dieser tragi-
schen Gegenüberstellung zweier Männer des gleichen Alters und der gleichen Welt,
schlussfolgerte De Mori, liest sich der Kontrast zweier Kulturen, der christlichen
Kultur und der sich erhebenden und wütenden heidnischen Kultur81.
In der gleichen Ausgabe der „Gioventù“ der Azione Cattolica verab-
schiedete er Dollfuß mit einer kurzen redaktionellen Anmerkung als Held des
Vaterlands, Held des Glaubens, der den neuen politischen Ordnungen seines Lands
die eigenen sozialen Forderungen zugrunde gelegt hatte, die den Hass der Bösen her-
vorriefen, der in den wiederholten terroristischen Attentaten sich entlud und letzt-
endlich als Bote Christus, der auch in den Bereich der öffentlichen Tätigkeiten das
Gute bringen wollte, das der christliche Gedanke für die schönsten und heiligsten
Errungenschaften gibt82. Auch das Bild des „Märtyrer-Kanzlers“ wurde häufig
von den katholischen Kommentatoren aufgegriffen. Zu diesen gehörten bei-
spielsweise Mario Bendiscioli83 und der franziskanische Ordensbruder Be-
nedetto Apuzzo, der sich der Übersetzung des Werks „Kanzler Dollfuß“ des
80 Enrico Rosa, Vita Ecclesiae, in: Studium 8–9 (1934) 528. Zum Thema siehe auch Tor-
chiani, Mario Bendiscioli 131.
81 Giuseppe De Mori, Tempo di dittature (da Hitler a Dollfuss), in: Gioventù Italica 8
(1934) 240 ff. (Übers. d. Verf.)
82 Ebd. 244. (Übers. d. Verf.)
83 Bendiscioli, La vita interiore di Ignazio Seipel 252 und Ders., Dollfuss e la nuova Aus-
tria, in: Tauscher, Eredità 18.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918