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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
österreichischen Journalisten Hans Maurer ins Italienische annahm, die 1935
in Mailand mit dem nihil obstat der ambrosianischen erzbischöflichen Kurie
veröffentlicht wurde84.
In der Gesamtheit der Reaktionen, die Dollfuß’ Tod diesseits der Al-
pen auslöste, war jener Raum von Bedeutung, den die italienische Debatte
den Stimmen aus Österreich bot. Neben der italienischen Übersetzung von
Bänden85 wie jener von Maurer und Arnold Tauscher, herausgegeben von Ma-
rio Bendiscioli86, war auch der Beitrag von Dietrich von Hildebrand in „Vita
e Pensiero“ maßgebend. Der im September 1934 veröffentlichte Artikel des
Philosophen stellt, begonnen beim Titel – „Dollfuss Miles Christi“ – die ge-
samte Amtszeit des Kanzlers basierend auf einer religiösen, beinahe metahis-
torischen Interpretation dar, die in der Gleichsetzung des Opfers von Dollfuß
mit dem von Jesus Christus gipfelt. Hildebrand schrieb:
Dollfuß war nicht nur ein Staatsmann, selbst treuer Sohn der Kirche, sondern
wirklich ein katholischer Staatsmann. Er hat nicht nur versucht, das Kirchen-
recht in einem Staat einzuführen, der auf katholischen Prinzipien gründet, so
wie es andere katholische Staatsmänner gemacht haben, sondern hat ebenso
alles auf den ewigen Grundlagen der christlichen Glaubenslehre und der ka-
tholischen Philosophie erschaffen wollen. 87
84 Hans Maurer, Il Cancelliere Dollfuss, Übersetzung aus dem Deutschen herausge-
geben von Fra’ Benedetto Apuzzo (Milano 1935) (= Ders., Kanzler Dollfuß [Wien 1934]). In
der einleitenden Widmung an die Witwe und die Kinder des Kanzlers spricht Apuzzo vom
„Märtyrer-Kanzler Dollfuß“, den er als „mehr als je zuvor lebendiges Sinnbild des österrei-
chischen Patriotismus, traditionell mit dem zivilisatorischen Christentum vereint“ bezeich-
net. Ebd. 1.
85 Es sei betont, dass im Unterschied zu den hier genannten Büchern von Maurer und
Tauscher das bedeutsame Werk von Johannes Messner (Johannes Messner, Dollfuss (Inns-
bruck–Wien–München 1935)) nicht in Italien übersetzt wurde, sondern nur in Großbritan-
nien. Das Werk von Maurer fand weite Verbreitung in Frankreich, wo es 1935 für den Verlag
Flammarion übersetzt wurde.
86 „Die Ermordung von Dollfuß im Juli 1934 und die harte, von Mussolini angeregte
Pressekampagne, geprägt von der Empörung über das Geschehene und der Anprangerung
der deutschen Verantwortlichkeit für den gescheiterten Putsch, überzeugten den Wissen-
schaftler davon, die Veröffentlichung eines Buches über den ermordeten Kanzler anzuraten,
das anhand von ausgewählten Aufsätzen und Reden dessen politische und religiöse Vorstel-
lungen würdigt.“ Torchiani, Mario Bendiscioli 129.
87 Dietrich von Hildebrand, Dollfuss „miles Christi“, in: Vita e Pensiero 9 (1934) 49–53.
(Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918