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Die katholische Welt Italiens und der christliche Ständestaat
einzige totalitäre Partei, nicht den Prinzipien der päpstlichen Enzykliken nicht nach-
kommt und an dem Dualismus von Gesellschaft und Staat festhält, welcher allein
dem christlichen Konzept des Menschen entspricht106. Noch am 1. März 1938, am
Vortag des „Anschlusses“, bekräftigte De Gasperi seine Sichtweise mit fol-
genden Worten:
Die Christlich-Soziale Partei ist wegen der auf die Umstände zurückzufüh-
renden Forderungen nach einem autoritären Regime verschwunden, aber das
Konzept lebt und nimmt Gestalt an. Dollfuß’ Testament zufolge soll es auf
Quadragesimo anno aufbauen. Diese bezieht sich natürlich nicht auf das Re-
gime, denn die Enzykliken liefern kein Konzept für ein politisches Statut; aber
auf gesellschaftliche Richtlinien und Reformen: eine durch Freiheit gemäßigte
Autorität, ein durch den katholischen Universalismus ausgewogener Natio-
nalismus, eine zu einer historischen Mission erzogene Jugend.107
Abgesehen von der Aufmerksamkeit, mit der Persönlichkeiten wie Gonella
und De Gasperi die Geschehnisse in Österreich weiterhin mehr oder weniger
stetig verfolgten, lässt sich jedoch nicht leugnen, dass ab der zweiten Hälfte
des Jahres 1935 in den katholischen Kreisen Italiens das Thema des „korpo-
rativen und christlichen“ Regimes teilweise an Interesse zu verlieren schien,
obgleich es in den zwei Jahren zuvor noch für so viel Begeisterung gesorgt
hatte. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich schrittweise auf andere Ange-
legenheiten, wie den Krieg zwischen Italien und Abessinien (dessen Rück-
wirkungen bald auch im mitteleuropäischen Kontext zu spüren waren) und
den darauffolgenden Ausbruch des Bürgerkrieges in Spanien108. Während die
106 Spectator, Quindicina internazionale, in: L’Illustrazione Vaticana, 1. Dezember 1936,
nun in: Alcide De Gasperi, Scritti di politica internazionale 1933–1938, Bd. II (Città del Vati-
cano 1981) 475. (Übers. d. Verf.)
107 Spectator, Quindicina internazionale, in: L’Illustrazione Vaticana, 1. März 1938, ebd.
642. Auch Gonella hatte am 26. Februar 1938 erklärt: „Von Dollfuß’ Programm gibt es kein
Zurück. Das unabhängige, autonome, deutsche und christliche Österreich.“ Siehe Acta Diur-
na, in: L’Osservatore Romano, 26. Februar 1938, nun in: Gonella, Verso 284). (Übers. d. Verf.)
108 Diesbezüglich aufschlussreich sind die Unterschiede in den Ansätzen von De Gasperi,
der das ganze Jahr 1936 über den Geschehnissen in Österreich sehr wenig Platz in seinen
„Quindicine“ eingeräumt hatte, und Gonella, der in den „Acta Diurna“ die Entwicklung der
internen und internationalen österreichischen Politik entschieden beharrlicher betrachtet
hatte. Die verlegerischen Entscheidungen der beiden Christdemokraten mit späterer Füh-
rungsrolle gingen auf unterschiedliche Perspektiven, auf Basis derer man sich der interna-
tionalen Politik näherte, zurück. Die von Gonella war zwangsläufig mehr auf die Aktualität
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918