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Paolo Valvo
wurde, nämlich dem späteren Erzbischof von Wien Kardinal Franz König
(damals einunddreißig Jahre alt). In seinem Aufsatz – ein richtiges „Manifest“
der Organisation – betonte König die Distanz zwischen Neuland, dem Bund
der neuen katholischen Studentenbewegung und der bereits älteren Organi-
sation der katholischen Studenten (Cartellverband), der, mit seinem Konservatis-
mus und alten studentischen Formen des vorigen Jahrhunderts, einen recht begrenz-
ten Anteil an der Erneuerungsbewegung des intellektuellen Lebens Österreichs hat.
In Bezug auf die von König bei der österreichischen Jugend wahrgenommene
Spaltung zwischen den Befürwortern der (auch kulturellen) Vereinigung Ös-
terreichs mit Deutschland und den Unterstützern der österreichischen Un-
abhängigkeit als Land, das die germanische Kultur nach alter Bedeutung verteidigt,
fiel seine Hervorhebung des Pangermanismus auf, in dessen Richtung die
neue katholische Jugendbewegung ihre ersten Schritte unternommen hatte
und sich weiterhin bewegte. Der erklärtermaßen gesamtdeutsche Ursprung
der Bewegung hinderte ihren Vertreter jedoch nicht daran, sich für die Not-
wendigkeit auszusprechen, auch den Horizont der katholischen Jugend an-
derer Länder zu erweitern – im Hinblick auf die großen geistigen Kämpfe, die in
Europa in den Folgejahren ausgetragen werden müssten, und auf die unver-
meidbaren Entscheidungen, deren größte Verantwortung die Katholiken tragen
müssten. Für König erschien in der Tat nichts wünschenswerter als eine stärkere
Annäherung der jungen Katholiken der verschiedenen Nationen, besonders Italiens
und Österreichs, zwischen denen bisher nur eine geringe Bindung besteht, um mit
gemeinsamen Mitteln eine gemeinsame Aufgabe zu lösen. Daher die Einladung an
jegliche Vertreter der italienischen Universitäten, sich zu uns zu begeben, um unser
Leben persönlich kennenlernen zu können115.
Möglicherweise waren die Redakteure von „Studium”, als sie den Bei-
trag des österreichischen Priesters in die Rubrik „Lettere dall’estero“ aufnah-
men, nicht vollständig über die Kontroversen bezüglich Neuland informiert,
in die in diesem Augenblick sowohl der österreichische Episkopat als auch
der Heilige Stuhl verwickelt waren. Jedenfalls fällt die Aufwertung einer
Erfahrung auf, deren ideologische Koordinaten in mancher Hinsicht gegen-
sätzlich zur bekräftigten kulturellen und religiösen Eigenheit Österreichs er-
scheinen konnten, in der die katholische Welt Italiens in ihrer Gesamtheit
115 Franz König, La situazione spirituale della gioventù in Austria, in: Studium 6 (1936)
391. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918