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Paolo Valvo
Diesen Aussagen von Röpke wollte der Redakteur der Zeitschrift, der nie-
mand anderes als Mario Bendiscioli war, präzisierend die folgende Randno-
tiz hinzufügen: Röpke spielt auf die Tatsache an, dass in gewissen katholi-
schen Kreisen innerhalb und außerhalb Österreichs der Ständestaat von Doll-
fuß als die naturreine Verwirklichung der ‚Quadragesimo anno‘ dargestellt
wird. Hinsichtlich der Bewertung des Autors betreffend die Absichten der
österreichischen Katholiken erlauben wir uns einige Vorbehalte anzubrin-
gen und verweisen auf unseren Band ,L’eredità politica di Dollfuss‘, Brescia,
Morcelliana, 1934.
Die Tatsache, dass zwölf Jahre nach der Ermordung von Dollfuß – und
nach dem endgültigen Scheitern der korporativen österreichischen und itali-
enischen Modelle – Bendiscioli es für notwendig hielt, die Relevanz der kriti-
schen Beurteilungen Röpkes einzuschränken, indem er auf ein Buch verwies,
das einen wichtigen Teil des „italienischen Kanons“ der Mythen um Dollfuß
und den Ständestaat dargestellt hatte, ist ein vielsagender Beweis dafür, wie
tief die Geschehnisse in Österreich in den Jahren zwischen den beiden Welt-
kriegen das kulturelle Blickfeld jener Katholiken geprägt haben, welche die
Debatte in Italien in den zwanzig Jahren des Faschismus geführt hatten. Un-
ter Betrachtung des bis hierher aufgezeigten Weges lässt sich mit Sicherheit
behaupten, dass der österreichische Ständestaat – abgesehen von den kon-
kret erreichten Resultaten – in den 1930er-Jahren einen Bezugspunkt für die
ideologische und politische Formung der italienischen Katholiken darstellte.
Dazu zählen auch jene, die nach Kriegsende eine Hauptrolle einnahmen in
der demokratischen Rekonstruktion Italiens, im Zeichen „einer Vision des
Staats als unersetzbares Instrument für die Verbindung und Balance des öko-
nomischen Handelns, der ethischen Forderungen, der Erfüllung (sprich die
konkrete Ausführung, so wie es die Gegebenheiten und die Geschichte mit
ihren sich ändernden Notwendigkeiten erfordern) des ‚Sinnes‘ der Politik“122.
122 Ornaghi, La concezione corporativa di Amintore Fanfani 194.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918