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Karlo Ruzicic-Kessler
annahm31. Für ihn war die Geheimrede ein Ereignis, das alle Ereignisse der
letzten Jahre in den Schatten stellte 32.
Die am 4. Juni erfolgte Veröffentlichung der Geheimrede durch die
„New York Times“ konsternierte so manchen Genossen in den westeuro-
päischen KPs33. Togliatti machte in der Ausgabe vom Juni 1956 von „Nuovi
Argomenti“ die Unfähigkeit der sowjetischen Führung und Stalins für die
Probleme in der Weltbewegung verantwortlich:
[Es entstand] die progressive Überlappung persönlicher mit demokratischer
und kollektiver Macht, und damit die Ausbreitung von Phänomenen der Bü-
rokratisierung, der Verstöße gegen die Legalität, die Stagnation, und zum Teil
die Degeneration […] diese Überlappung war partiell und vor allem in den
höchsten Kreisen der Macht und der Partei manifest. […] [M]an kann aber
daraus nicht ableitet, dass die Fundamente der sowjetischen Gesellschaft zer-
stört wurden.34
Für Togliatti war das kommunistische System nunmehr polyzentrisch gewor-
den und es gab somit nicht eine einzige Führung, sondern einen Prozess, der
unterschiedliche Wege beschritt. Trotz allem sei das sowjetische System das Bes-
te, da es – von den stalinistischen Verbrechen abgesehen – eine völlig freie,
demokratische Gesellschaft ermöglichte und die Gründung der Sowjetunion das
wichtigste Ereignis der Zeitgeschichte darstellt[e]35. Franz Marek verfolgte diese
Ereignisse und ließ in einer Sondernummer von „Weg und Ziel“ die Thesen
31 Da Gramsci a Berlinguer. La via italiana al socialismo attraverso i congressi del Partito
comunista italiano, Vol. III, 1956–1964, hrsg. von Francesco Benvenuti (Roma 1985) 18 f.
32 Indro Montanelli, Mario Cervi, Storia d’Italia. Vol. XVIII, L’Italia dei due Governi
1955–1965 (Milano 2011) 34–36; Palmiro Togliatti, Il XX congresso del partito comunista
dell’Unione sovietica, in: l’Unità (14.4.1956); siehe auch: Marco Clementi, L’alleato Stalin.
L’ombra sovietica sull’Italia di Togliatti e De Gasperi (Milano 2011); Marco Galeazzi, Togliatti
e Tito. Tra identità nazionale e internazionalismo (Roma 2005); Roberto Gualtieri, Togliatti e
la politica estera italiana. Dalla Resistenza al trattato di pace 1943–1947 (Roma 1995).
33 Felice Froio, Il PCI nell’anno dell’Ungheria (Roma 1980) 96; Alessandro Frigerio, Bu-
dapest 1956. La macchina del fango. La stampa del PCI e la rivoluzione ungherese. Un caso
esemplare di disinformazione (Torino 2016) 30; Spagnolo, Togliatti e il movimento comunista
254.
34 Intervista a Togliatti, in: Nuovi Argomenti 20 (1956); Togliatti. Opere, IV, hrsg. von
Luciano Gruppi (Roma 1986) 125–147; Höbel, Il PCI e il 1956 71–92. (Übers. d. Verf.)
35 Ebd.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918