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Franz Marek und der italienische Kommunismus
In dieser Phase der Beziehungen zwischen den europäischen kommunisti-
schen Parteien hatte die KPÖ, im Vergleich zu ihrer nationalen Bedeutung,
eine überproportional große Rolle in der transnationalen Politik einnehmen
können. Dies ging zu einem großen Teil auf Marek zurück. Er war nicht nur
in der österreichischen Partei, sondern auch international ein wichtiger Re-
former und Mann des Dialogs geworden. Der PCI setzte auf ihn als „Späher“
nach Osteuropa, wie die Frage um die Vorgänge in Polen von 1968 aufzeigt.
PCI und Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) waren in den 1960er Jah-
ren immer wieder in Konflikt geraten, was nicht zuletzt auf die unterschied-
lichen Auffassungen zwischen Ost und West zurückging84. Als im Frühling
1968 in Polen eine Kampagne gegen den Zionismus stattfand, die offen antise-
mitische Züge annahm85, wollte der PCI über die Lage informiert werden. Im
Juni erreichte eine italienische Delegation Warschau. Doch die Erklärungen
der polnischen Genossen halfen nicht, die Unsicherheit über ihr Handeln zu
überwinden86. Sekretär Luigi Longo wandte sich in der Sache direkt an Ma-
rek, in dessen Erinnerungen sich der italienische Parteiführer konsterniert
über die konkreten Details zeigte, die auch Personen betrafen, die er persön-
lich kannte87. Mareks Bedeutung wird auch durch seinen Briefwechsel mit
seinem guten Freund, dem ZK-Mitglied Ernesto Ragionieri ersichtlich. Ihm
gegenüber äußerte er: Sei froh, dass du auf der Reise von Moskau nach Prag nicht
in Warschau wechselst – das ist wohl das Schlimmste, was in unserem Namen in
den letzten 10 Jahren passierte.88 Marek ließ auch die Kollegen von „Il Contem-
poraneo“, einer monatlichen Beilage von „Rinascita“, über die Vorkommnis-
se informieren. Er hatte ein Dokument polnischer Provenienz nach Italien
versandt, welches die Politik der kommunistischen Partei heftig kritisierte
84 Riunione della direzione, 12.2.1965, FIG, APCI, 1965, Direzione, 29, 569–580, Riunione
della direzione, 2.3.1965, ebd., 581–607, Riunione della direzione, 8.3.1965, ebd., 608–623, Re-
lazione della delegazione italiana alla commissione preparatoria della Conferenza mondiale
dei partiti comunisti e operai, 24.–28. Marzo 1968, 2.5.1968, FIG, APCI, 1968, Esteri, mf. 553,
672–678.
85 “In Zehntausenden Parteiversammlungen forderten […] die ‘Aktivisten’ die Entfer-
nung der ‘Unruhestifter’ aus ihren Stellen und die ‘Auswanderung’ der ‘Zionisten’”, zit.
nach: Włodzimierz Borodziej, Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (München 2010) 315.
86 Nota informativa sulle conversazioni politiche avute a Varsavia da A. Pecorari fra il 4
ed il 10 giugno [1968], FIG, APCI, Esteri, mf. 552, 2185–2187.
87 Marek, Erinnerungen 229.
88 Franz Marek an Ernesto Ragionieri, 6.5.[1968], Sesto Fiorentino, Biblioteca E. Ragionie-
ri, Fondo Ernesto Ragionieri, Corrispondenza, No 1287.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918