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Maximilian Graf
geschränktem Maße“, wie Michael Gehler dargelegt hat. Sein Fazit zum The-
ma Kreisky und Italien lautet: „Abgesehen von seinem großen Engagement
in der Südtirolfrage Ende der 1950er bis Mitte der 1960er-Jahre pflegte Kreisky
nach dem für ihn bitteren und unverständlichen Scheitern des Verhandlungs-
pakets mit Saragat ab 1965 ein wachsendes Desinteresse und eine bewusste
Gleichgültigkeit bis hin zur innenpolitischen Obstruktion in der Oppositi-
on (1966–1970) gegenüber der Südtirolpolitik der Bundesregierung mit der
Konsequenz, dass auch seine Haltung gegenüber Italien von konsequenter
Distanzwahrung begleitet war. Kreisky assoziierte mit Italien vor allem die
Südtirolproblematik. Eine davon losgelöste, unabhängige oder eigenständige
österreichische Italien-Politik-Konzeption war er weder bereit noch interes-
siert zu entwickeln, solange die Südtirolfrage offen und schwebend war“3.
Zwar besuchte Kreisky nach der „Paketlösung“ Anfang 1972 im Rahmen sei-
ner der Förderung des später im Jahr geschlossenen österreichischen Frei-
handelsabkommens mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft dienen-
den Rundreise in die Hauptstädte der Mitgliedsstaaten am 7./8. April Rom4.
Danach schlief die Besuchsdiplomatie aber ein und – wie zu zeigen sein wird
– spätere Versuche, diese wieder zu beleben, scheiterten. Somit blieb Kreiskys
Verhältnis zu Italien weiterhin vom Südtirolproblem überschattet: „Kreiskys
Interesse an Italien war im Vergleich zu anderen Ländern und Fragen der
Außenpolitik Österreichs klar untergeordnet. […] Die Südtirolfrage war in
den 1960er und auch noch in den 1970er-Jahren die emotionale Barriere der
zwischenstaatlichen Beziehungen. Sie blieb das entscheidende psychologi-
sche Hemmnis für eine aktivere Italien-Politik Kreiskys, die bescheiden, um
nicht zu sagen minimalistisch blieb. Das ist sehr bemerkenswert, handelte es
sich doch bei Italien um den zweitgrößten Nachbarstaat Österreichs und nach
Deutschland um den zweitwichtigsten Handelspartner. Auf der politischen
ßenpolitik. Zwischen österreichischer Identität und internationalem Programm (Göttingen
2009). Zur österreichischen Außenpolitik siehe: Michael Gehler, Österreichs Außenpolitik
der Zweiten Republik. Von der alliierten Besatzung bis zum Europa des 21. Jahrhunderts,
2 Bde. (Innsbruck 2005).
3 Michael Gehler, Bruno Kreisky, Italien und die Deutsche Frage, in: Italien, Österreich
und die Bundesrepublik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksverhältnis in seinen wechsel-
seitigen Beziehungen und Wahrnehmungen von 1945/49 bis zur Gegenwart, hrsg. von Ders.,
Maddalena Guiotto (Wien–Köln–Weimar 2012) 173–208, für die wörtlichen Zitate 173 u. 208.
4 Luciano Monzali, Giulio Andreotti e le relazioni italo-austriache 1972–1992 (Meran
2015) 33–37.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918