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Gianvito Galasso
tritt. Grund dafür war sowohl die geografische Nähe zu Italien als auch die
Tatsache, dass Österreich bereits Mitglied der Europäischen Freihandelsas-
soziation war, die neben der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft an den
Verhandlungen über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beteiligt
war. Ziel war die Schaffung einer großen Freihandelszone, die auf freiem
Personen-, Waren-, Kapital- und Dienstleistungsverkehr zwischen den Mit-
gliedstaaten basiert14. In den Erklärungen des französischen Präsidenten Mit-
terand und des Vizepräsidenten der Kommission der Europäischen Gemein-
schaften, Filippo Maria Pandolfi, wurde die Stellungnahme der italienischen
Regierung positiv bestätigt. Österreich und Schweden wurden darin als die
zwei einzigen Bewerberländer genannt, deren Beitritte zur EWG zügig vor-
angebracht werden sollten, da ihre Mitgliedschaft dem gemeinschaftlichen
Europa helfen würde, die kontinentale Verantwortung besser wahrzuneh-
men. Bei einer Anhörung des Sonderausschusses der italienischen Abgeord-
netenkammer für europäische Gemeinschaftspolitik zu den Ergebnissen der
Tagung des Europäischen Rats in Maastricht vom 9. und 10. Dezember 1991
brachte insbesondere der Europäische Kommissar den beiden neutralen
EWG-Beitrittskandidatenländern wertschätzende Worte entgegen. So stelle
Österreich einen „Dreh- und Angelpunkt“ für jenen Teil des Kontinents dar,
der die Tschechoslowakei, Ungarn, Slowenien und Kroatien umfasse; glei-
ches gelte für Schweden in Bezug auf das Baltikum15.
Nicole Pietri zufolge ließen die Ereignisse in Europa nach dem Fall
der Berliner Mauer sowie die laufenden Verhandlungen zur Schaffung des
Europäischen Wirtschaftsraums die Unsicherheiten bezüglich der Vereinbar-
keit von Österreichs international gültiger Neutralität mit einer EWG-Mit-
gliedschaft in den Hintergrund rücken16. Aus den Reihen des Europäischen
14 Atti Parlamentari, Senato della Repubblica, X. Legislaturperiode, 407. Sitzung, Ver-
sammlung, stenografischer Bericht, 3. Juli 1990, 8. Das Gründungsabkommen des Europäi-
schen Wirtschaftsraums wurde am 2. Mai 1992 in Porto von der Europäischen Wirtschafts-
gemeinschaft und Österreich, Finnland, Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweden und
der Schweiz unterzeichnet. Abgesehen von der Schweiz, wo in einem Volksreferendum
die Ratifizierung des Abkommens abgelehnt wurde, trat es am 1. Januar 1994 in Kraft. Für
weiterführende Informationen zum EWR siehe Bino Olivi, L’Europa difficile. Storia politica
dell’integrazione europea 1948–2000 (Bologna 2000) 400–404.
15 Atti Parlamentari, Camera dei deputati, X. Legislaturperiode, Sonderausschuss für
europäische Gemeinschaftspolitik, Sitzung vom 16. Dezember 1991, 8.
16 Pietri, L’Austria e l’integrazione europea 421. Zu den Auswirkungen der Ereignisse
von 1989 auf den europäischen Integrationsprozess siehe Olivi, L’Europa difficile 333–341.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918