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Von der Annexion bis zum Beginn
der faschistischen Ära: die italienisch-
österreichischen Beziehungen und Südtirol
ANDREA DI MICHELE
Freie Universität Bozen
1915 trat Italien in den Ersten Weltkrieg ein. Das Land hatte sich ehrgeizige
Ziele gesetzt und strebte danach, sich von einer mittleren Macht am Rande
der internationalen Bühne zu einer für das Gleichgewicht Europas maßgeb-
lichen Großmacht zu entwickeln. Im Londoner Vertrag vom April 1915 wa-
ren alle Eroberungsziele Italiens im Detail erläutert. Ganz oben auf der Liste
standen die italienischsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie. Die
Abtretung dieser Gebiete an Italien sollte das Ende des langen italienischen
Einigungsprozesses besiegeln. Unter den territorialen Forderungen Italiens
befand sich aber auch die Wasserscheide am Brenner und in Julisch-Venetien.
Dadurch hätte Italien nicht nur die italienischsprachigen Gebiete der Habs-
burgermonarchie annektiert, sondern – militärisch gesehen – auch sichere
Grenzen erhalten, was aber die Einverleibung anderer Volksgruppen, wie
der deutschsprachigen, slowenischen und kroatischen, bedeutete. Durch sei-
ne ambitionierten Eroberungsziele in Dalmatien, Albanien, dem Dodekanes,
Anatolien und Afrika wollte sich Italien außerdem im adriatischen Raum als
Hegemonialmacht etablieren, um eine Hauptrolle auf der internationalen
Bühne zu spielen.1
Bei der Unterzeichnung des Geheimvertrags mit der Entente ging Ita-
lien davon aus, dass die Mittelmächte auch nach einer Niederlage eine wich-
1 Leo Valiani, La dissoluzione dell’Austria Ungheria (Milano 1966); Maria Grazia Mel-
chionni, La vittoria mutilata. Problemi ed incertezze della politica estera italiana sul finire
della Grande Guerra (ottobre 1918‒gennaio 1919) (Roma 1981); Marina Cattaruzza, L’Italia
e il confine orientale (Bologna 2007); Luciano Monzali, La politica estera italiana nel primo
dopoguerra 1918‒1922. Sfide e problemi, in: Italia contemporanea 60 (2009) 379‒406.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918