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Andrea Di Michele
tige Rolle spielen würden – dass die Habsburgermonarchie von der euro-
päischen Landkarte verschwinden könnte, damit rechnete man nicht. Man
ging vielmehr davon aus, dass Österreich-Ungarn im Donauraum und am
Balkan weiterhin einflussreich bleiben würde. Das vom Krieg erschütterte
Europa war dann völlig anders als man sich vorgestellt hatte. Italien wur-
de ganz unverhofft zur Siegermacht, die plötzlich nach der Auflösung der
Habsburgermonarchie keinen „Erbfeind“ mehr hatte.2 In dieser Situation er-
öffneten sich einerseits neue und überraschende Perspektiven, da es darum
ging, das politische Vakuum nach dem Zusammenbruch des Habsburger-
reiches zu füllen. Andererseits ergaben sich aber auch neue und unerwartete
Herausforderungen, die Italien rasch zu bewältigen hatte. In erster Linie war
das neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, welches
an der italienischen Ostgrenze lag und die von Italien angestrebten Gebiete
angliedern wollte, die größte Herausforderung, die es durch neue Allianzen
und Machtverhältnisse zu meistern galt.
Vor diesem Hintergrund entwickelten sich die Beziehungen zwi-
schen Italien und dem kleinen Staat Österreich, der nach dem Krieg ent-
stand. Dieser Beitrag behandelt die Beziehungen zwischen Rom und Wien
ab Ende 1918 bis zu den ersten Jahren des Faschismus. Dabei werden neue
Aspekte sowie Annährungs- bzw. Spaltungselemente zwischen Italien und
Österreich herausgearbeitet, wobei besonderes Augenmerk auf die Südtirol-
frage gelegt wird. Im Mittelpunkt steht die Rolle der Italianisierung Südti-
rols und deren Einfluss auf die bilateralen Beziehungen im Laufe der ersten
Nachkriegsjahre.
1. Vertauschte Rollen
Um das Wesen der Beziehungen zwischen Italien und Österreich während
der Nachkriegszeit besser verstehen zu können, ist ein Vergleich zwischen
den neuen Machtverhältnissen, die sich nach dem Krieg herauskristallisier-
ten, und den alten Machtbeziehungen der Vorkriegszeit erforderlich.
2 Stefan Malfèr, Wien und Rom nach dem Ersten Weltkrieg. Österreichisch-italienische
Beziehungen 1919‒1923 (Wien‒Köln‒Graz 1978) 11 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918