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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
Vor dem Ersten Weltkrieg zählte die Habsburgermonarchie zu den europäi-
schen Großmächten. Nach dem Krieg entstand an ihrer Stelle ein kleines Al-
penland mit relativ geringem politischem Gewicht. Deutschösterreich stellte
somit nur ein „Überbleibsel“ der alten Monarchie dar, nachdem die Völker
des damaligen Habsburgerreiches die Gebiete der Doppelmonarchie unter
sich aufgeteilt hatten, um eigene Nationalstaaten zu gründen.3 Gleichzeitig
fand auch die Annexion jener Regionen statt, die von deutschsprachigen
Volksgruppen besiedelt waren. Bei den Friedensverhandlungen musste Ös-
terreich viele Abstriche machen und vor allem auf Südtirol verzichten. Hier
lebte eine fast ausschließlich deutschsprachige Bevölkerung, die sich gegen
die Abtretung Südtirols an Italien sträubte. Wien, die einstige Hauptstadt des
Habsburgerreichs, zählte nun 1.800.000 Einwohner und wurde zur Haupt-
stadt des neuen Staates Österreich, wo die Einwohnerzahl von 52.000.000 zur
Zeit der Habsburgermonarchie auf knapp 6.110.000 zurückging4. Diese un-
gleiche Verteilung war nicht nur zahlenmäßig relevant, sondern es herrsch-
te auch eine destabilisierende politische und soziale Distanz zwischen Stadt
und Land vor. Die Hauptstadt Wien mit ihrem internationalen, bürgerlichen,
modernen und sozialistischen Charakter stand der konservativen und ka-
tholischen Peripherie gegenüber. Auf politischer Ebene wurde die Distanz
zwischen beiden Welten größer. Wien wurde zur Hochburg der Sozialdemo-
kraten, während in den übrigen Ländern die Christlichsozialen bei den Land-
tagswahlen meist die Mehrheit errangen. Indes war Österreich von gefähr-
lichen Spannungen geprägt, die den Keim der Revolution säten, und musste
auch die Unterbrechung der Lebensmittelversorgung aus den ehemaligen
Ländern der Monarchie hinnehmen. Der große Binnenmarkt des Reiches war
in viele nationale Binnenmärkte der Nachfolgestaaten aufgesplittert. Öster-
reich konnte somit etliche Produkte – vor allem landwirtschaftliche Erzeug-
nisse – nicht mehr aus den ehemaligen Kronländern beziehen5. Aufgrund
der Lebensmittelknappheit kam es zu Aufständen, zu Überfällen auf Läden
3 Helmut Konrad, Wolfgang Maderthaner (Hg.), … der Rest ist Österreich. Das Werden
der I. Republik (2 Bde) (Wien 2008).
4 Carlo di Nola, Italia e Austria dall’armistizio di Villa Giusti (Novembre 1918) all’An-
schluss (Marzo 1938) (Milano–Roma–Napoli–Città di Castello 1960) 6; Edgard Haider, Wien
1918. Agonie der Kaiserstadt (Wien–Köln–Weimar 2017).
5 Siehe dazu Pasquale Cuomo, Il miraggio danubiano. Austria e Italia politica ed econo-
mia 1918–1936 (Milano 2012) 79.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918