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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
hauptstadt ein Ausgangspunkt für weiterreichende Initiativen in Tirol und
ganz Österreich war. In Innsbruck herrschte aufgrund der anhaltenden Hun-
gersnot Chaos, Lebensmittelgeschäfte wurden geplündert, daher schätzen
die lokalen Institutionen die Anwesenheit der italienischen Soldaten, weil sie
die Ordnung wiederherstellten. Auch stellte Italien die Lebensmittelversor-
gung der Innsbrucker Bevölkerung sicher. In der italienischen zivilen und
militärischen Führung setzte sich bald die Überzeugung durch, dass man die
Schwäche Österreichs ausnützen sollte, indem man die öffentliche Ordnung
und die Lebensmittelversorgung garantierte. Italien erhielt dadurch eine po-
litische und wirtschaftliche Schutzmachtfunktion. Vor allem im Bereich von
Finanzwesen, Wasser, Strom, Eisenbahn und Immobilien boten sich Italien
in Nordtirol interessante und aussichtsreiche Investitionsmöglichkeiten. Lui-
gi Credaro, Zivilkommissar des Tridentischen Venetiens, fasste die Situation
folgendermaßen zusammen:
Dass wir uns mit Banken und Finanzinstituten dauerhaft im Inntal nieder-
lassen, liegt schließlich auch im Interesse unserer Nation. Unsere militärische
Verstärkung in den tridentinischen Alpen wird in Zukunft weniger Erfolg
haben, wenn wir uns nicht in das ökonomische Leben Tirols jenseits der Alpen
einfügen, denn hier werden Italiener und Germanen zusammentreffen. Sehr
bald könnte der Tag kommen, an dem die Italiener es bereuen werden, nicht
von dieser außergewöhnlich günstigen Lage, die sich aus der schlimmen Le-
bensmittelversorgung der Inn-Region ergab, profitiert zu haben, um nach-
haltige soziale und wirtschaftliche Beziehungen mit der Tiroler Bevölkerung
aufzubauen. Der Zeitpunkt könnte günstigster nicht sein. Mit relativ wenig
Aufwand können wir die engen Beziehungen, die unsere Soldaten mit Tirol,
dem Wachposten des Deutschtums schlechthin, aufgebaut haben, vertiefen
und befestigen. Großzügigkeit, Weitblick und Einsatzbereitschaft sind dafür
gefragt.25
Man wollte die Gelegenheit nützen, um sich in Tirol und in ganz Österreich
wirtschaftlich und politisch zu etablieren. In Wien war seit 28. Dezember
25 Rundschreiben Credaros an Außenminister und Ministerpräsident, 4. Mai 1920, in:
Archivio storico diplomatico del ministero degli Affari esteri, Roma (ASMAE), Affari politici
1919–1930, Austria, b. 813, fasc. 1007. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918