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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
3. Ursachen der Distanzierung
Trotz aller Bemühungen um eine Annäherung zwischen Wien und Rom,
Spannungen und Gegensätze blieben dennoch bestehen. Zunächst bestand
ein grundlegender Widerspruch darin, dass Rom in Bezug auf Wien einer-
seits eine „freundschaftliche Strategie” in Form materieller Hilfe und poli-
tischer Unterstützung verfolgte. Andererseits war Italien aber nicht bereit,
auf seine Rechte als Sieger zu verzichten. Wie Sonnino in einem Telegramm
nach Wien vom 27. Februar 1919 betonte, sollte der Wunsch, Österreich für
sich zu gewinnen und so den Weg für eine freundschaftliche Beziehung und
Zusammenarbeit zu ebnen, uns jetzt nicht von unserem Standpunkt abweichen
lassen, der uns durch unseren Sieg zuteil wurde. Ebenso wenig sollten wir auf ange-
messene Reparationsleistungen künstlerischer und wirtschaftlicher Art verzichten35.
Italien gewährte also zum einen Nahrungsmittelhilfe, zum anderen war man
aber nicht bereit, auf Kriegsentschädigungen zu verzichten. Als Italien im
Jänner 1921 finanzielle Auflagen für die Unterstützung der Projekte für den
wirtschaftlichen Wiederaufbau Österreichs erhielt, kam der Finanzminister
nicht umhin, enttäuscht darauf hinzuweisen, dass man ein Land ernähre, von
dem wir, laut den Verträgen, Reparationszahlungen fordern sollten anstatt dem Land
unbegrenzte Beihilfen zu geben36.
Die Politik Italiens schwankte also zwischen dem Wunsch, durch
großzügige Hilfsleistungen eine ausgezeichnete Beziehung zu Österreich
aufzubauen und dem Willen, nicht auf die Rechte zu verzichten, die ihm auf-
grund seines Sieges zustanden. Jegliche Aufforderung zu einer Garantie für
die Rechte der Südtiroler Minderheit wurde als unzulässig eingestuft, auch
auf die Übergabe von Waffen und Kunstwerken an Italien wollte man nicht
verzichten. Somit wurde Österreich aus Sicht Italiens dann doch nicht zum
Partner, sondern zum besiegten Land, das für die Niederlage bezahlen muss-
te, die italienische Politik war also voller Widersprüche. Wie Segre, dem die
Unmöglichkeit der Forderungen Italiens klar war, darlegte, war es notwendig,
dass das neue Österreich jedoch – neben unserem unterdrückten Willen, das zu er-
1996); Giulia Caccamo, L’occupazione italiana della Carinzia, in: Italia contemporanea 60
(2009) 461–469.
35 DDI, Sesta serie: 1918–1922, vol. II (Roma 1980) 540. (Übers. d. Verf.)
36 Zitiert nach Bonini, La politica d’influenza 63. (Übers. d. Verf.)
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918