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Von der Annexion bis zur faschistischen Ära
einer politischen Annäherung an Österreich stand auf dem Spiel. Einerseits
wollte man die Republik Österreich als neuen Staat anerkennen, andererseits
behandelte man es aber dann doch wieder als Nachfolgestaat der Habsbur-
germonarchie und als ehemaligen Feind, der für den von ihm verschuldeten
Krieg zu bezahlen hatte.
Noch viel mehr als die Reparationsleistungen und die Rückführung
der Kulturgüter trennte aber die Südtirolfrage die beiden Länder. Die An-
eignung der deutschsprachigen Gebiete südlich des Brenners durch Italien
musste unweigerlich zu Spannungen mit dem neuen Österreich führen, für
das der Verlust Südtirols der wohl schmerzhafteste war. Wie Francesco Save-
rio Nitti in einem Brief, den er im Juli 1919 als Interims-Außenminister nach
Wien schickte, erläuterte, war es für Italien undenkbar, eine Diskussion mit
Österreich zu führen, welche die vollständige Souveränität Italiens über Südtirol
in Frage stellte42. Dies bedeutete explizit, dass jegliche internationale Garantie
zum Schutze der nationalen Interessen der deutschsprachigen Bevölkerungs-
gruppe Südtirols abgelehnt wurde. Die Hoffnungen Bauers, sich mit Italien
über eine gemeinschaftliche Verwaltung Südtirols zu einigen, schwanden sehr
schnell und somit auch jene eines Verbleibs Südtirols im österreichischen
Zollgebiet oder die Zugehörigkeit zu Österreich durch eine Neutralisierung
ganz Tirols43. Auch das österreichische Memorandum, das am 16. Juni 1919 in
Paris vorgelegt wurde, enthielt diese Vorschläge. Italien war als Sieger aber
nicht zu Zugeständnissen hinsichtlich der Brennergrenze bereit – und dies
umso weniger als man über die Pariser Entscheidungen hinsichtlich der ita-
lienischen Ostgrenze schwer enttäuscht war und diese zumindest teilweise
durch das Beharren auf der Brennergrenze kompensieren wollte.
Südtirol wurde also zu einem unangenehmen Thema, das die guten
Beziehungen zwischen den beiden Ländern bedeutete. Der Besuch des öster-
reichischen Staatskanzlers Karl Renner beim italienischen Ministerpräsiden-
ten Francesco Saverio Nitti am 12. April 1920 in Rom erhielt somit eine beson-
dere Bedeutung. Renner stellte schon in der Vorbereitungsphase klar, dass er
42 Zit. nach Haas, Le relazioni italo-austriache 419. (Übers. d. Verf.)
43 Mario Toscano, Storia diplomatica della questione dell’Alto Adige (Bari 1967) 33 ff.;
Haas, Le relazioni italo-austriache 419 f.; Curato, Le relazioni italo-austriache 452; Rudolf
Neck, Il trattato di Saint-Germain, in: Storia e Politica 12/3 (1973) 458–466; Lajos Kerekes, Von
St. Germain bis Genf: Österreich und seine Nachbarn 1918–1922 (Wien–Köln–Graz 1979).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918