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Andrea Di Michele
nicht über Südtirol sprechen wolle, weil dieses Thema das positive Klima der
Zusammenarbeit gefährde. Italien reagierte erfreut und versprach eine „libe-
rale“ Politik in Südtirol. Damit sollte der in Österreich vorherrschenden Skep-
sis hinsichtlich einer Zusammenarbeit mit Italien entgegengewirkt werden44.
Österreichs Schwäche kam durch den Inhalt des in Rom unterzeichneten
Vertrages deutlich zum Ausdruck. Italien garantierte Österreich Schutz im
Falle von Angriffen, die seine Grenzen infrage stellten und unterstützte die
Bestrebungen Österreichs, dem Völkerbund beizutreten. Der Preis, der dafür
zu zahlen war, war jedoch hoch und führte de facto dazu, dass sich die öster-
reichische Außenpolitik Rom unterordnete. Österreich verpflichtete sich, die
italienische Regierung über politische und wirtschaftliche Verhandlungen
mit anderen Staaten zu informieren und keinem Bündnis auf Grundlage der
Nachfolgestaaten der Donaumonarchie beizutreten. Die Minderheitenfrage –
und allen voran die Südtirol-Problematik – wurde in dem Vertrag nicht be-
rührt, sie wurde zur inneren Angelegenheit Italiens45. Die Ausklammerung
der Südtirol-Problematik aus dem Nitti-Renner-Abkommen macht die Schwä-
che Österreichs deutlich, das nicht in der Lage war, sich für seine Minder-
heit südlich des Brenners einzusetzen. Das Abkommen veranschaulicht, dass
trotz aller Gegensätze die bilaterale Zusammenarbeit oberste Priorität hatte
und die Südtirolfrage keinen Keil zwischen beide Länder treiben sollte.
4. Der Faschismus
Der Faschismus führte die Pläne des liberalen Italien fort, die darauf abziel-
ten, sich im Donauraum und am Balkan wirtschaftlich und finanziell zu po-
sitionieren. Wie auch die liberalen Vorgängerregierungen sah der Faschismus
in Österreich ein wichtiges Element seiner Politik. Noch bevor Mussolini an
die Macht kam, verkündete er, dass Italien Österreich ernsthaft und unverzüg-
lich helfen hätte müssen; [...] Italien hätte sein Möglichstes tun müssen, um eine
Katastrophe in Österreich abzuwenden und dies selbstverständlich nicht aus
emotionalen Gründen, sondern aus rein politischen: Wir sagen, dass Italien sei-
44 Irmtraut Lindeck-Pozza, I rapporti austro-italiani dal trattato di St. Germain all’avven-
to al potere del fascismo, in: Storia e Politica 13/1–2 (1974) 1–16, hier: 7.
45 Malfèr, Wien und Rom nach dem Ersten Weltkrieg; Monzali, „Cancellare secolari
fraintendimenti“.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918