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Andrea Di Michele
nischen Botschafters aus Wien. Einige Monate später sprach der österreichi-
sche Kanzler vor dem Plenum des Völkerbunds und forderte die Einführung
von Minderheitenrechten im Statut dieser internationalen Organisation56.
Damit lenkte er die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft auf
die Tatsache, dass der Friedensvertrag Italien als Siegermacht in keinerlei
Weise dazu verpflichtete, den Schutz seiner Minderheiten, die zu Kriegsende
annektiert wurden, zu garantieren. Damit erreichten die Spannungen zwi-
schen Wien und Rom ihren Höhepunkt. Gleichzeitig war es jedoch auch ein
Wendepunkt, denn nun kam es zu einer raschen Verbesserung der Beziehun-
gen zwischen den beiden Ländern. Die wirtschaftlichen Beziehungen, allen
voran der Einsatz von italienischem Kapital in der österreichischen Wasser-
kraft, fungierte hierbei als Motor, die Politik ordnete sich den wirtschaftli-
chen Interessen unter. 1929 konnte Mussolini durch die Unterzeichnung der
Lateranverträge einen großen Imageerfolg erzielen, der sich auch positiv auf
das Verhältnis zum katholischen Österreichs und zu den Christlichsozialen
auswirkte. Hinzu kam die immer enger werdende Beziehung zwischen den
Heimwehren und dem italienischen Faschismus, die ideologischer, aber auch
organisatorischer, militärischer und finanzieller Natur war. All dies ist in
einen Kontext eingebettet, in dem die paramilitärischen Milizen in der öster-
reichischen Innenpolitik immer mehr an Bedeutung gewannen. Mussolini
unterstützte die Heimwehren wirtschaftlich und forderte dafür, dass sie sich
nicht in Südtirol einmischen sollten.
Die Südtirol-Problematik führte in den Jahren nach dem Ersten Welt-
krieg immer wieder zu schwerwiegenden Spannungen, beeinflusste das bi-
laterale Verhältnis jedoch nicht grundlegend. Die gemeinsamen Interessen
Roms und Wiens sowie die Machtverhältnisse zwischen den beiden Staaten,
die unausgeglichen und für Italien von Vorteil waren, verhinderten, dass
dieses Thema die Beziehungen zwischen den beiden Ländern nachhaltig ge-
fährdete.
56 Furlani, Wandruszka, Austria e Italia 200 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918