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Eva Pfanzelter
und Paris. Dieses Abkommen sollte die Unabhängigkeit Österreichs und die
Nicht-Einmischung in Österreichs interne Angelegenheiten zusätzlich garan-
tieren. Einen Vorschlag Mussolinis zum Abschluss eines bilateralen Vertra-
ges zur militärischen Beistandspflicht zwischen den beiden Ländern lehnte
Schuschnigg allerdings ab12.
Die Verhandlungen zwischen Frankreich, Großbritannien, Italien und
Österreich führten zu diesem Zeitpunkt allerdings letztlich ins Nichts, weil
die Interessen der drei involvierten Mächte zu unterschiedlich waren. Italien
und Österreich konnten sich beispielsweise in Bezug auf die Berücksichti-
gung der Interessen der Kleinen Entente nicht einig werden, da Italien den
Balkan als sein natürliches Einflussgebiet ansah. Am Ende der Konsultatio-
nen stand am 27. September 1934 lediglich eine leicht veränderte Version der
bereits im Februar abgegebenen Erklärung, die die Notwendigkeit unter-
strich, Österreich als eigenständigen Staat (soweit es die vorhandenen Verträ-
ge ermöglichten) zu erhalten. In den darauffolgenden Monaten wuchs jedoch
sowohl in Rom als auch in Paris die Überzeugung, dass Österreich tatsäch-
lich mehr als diese Erklärung zum Erhalt seiner Eigenständigkeit benötigte.
Die beiden Länder verhandelten also mit Wien weiter13. Tatsächlich war die
europäische Konstellation 1935 ein letztes Mal günstig. In Vorbereitung auf
Abessinien verbündete sich Mussolini bei der Konferenz von Stresa im April
noch einmal mit England und Frankreich gegen das Deutsche Reich. Es war
ein letzter Solidaritätsakt gegen die Expansionspolitik Hitlers. So einigten
sich die drei Mächte im Rahmen der Konferenz, in der es um die Zukunft
Afrikas und die politische Ordnung in Europa ging, auf diplomatischen Aus-
tausch, sollte Österreichs Selbständigkeit bedroht werden. Noch einmal wur-
den die Abkommen der Mächte aus dem Jahr 1934 herangezogen und die Not-
wendigkeit unterstrichen, die Unabhängigkeit und die Unversehrtheit Österreichs
aufrechtzuerhalten14.
Die Beziehungen der beiden Länder gestalteten sich also zumindest in
der ersten Hälfte der 1930er-Jahre freundschaftlich, auch wenn vor allem im-
mer wieder auftretende Problemfälle, wie es eben Südtirol war, eine Mitein-
beziehung der Haltung des Deutschen Reiches in die Überlegungen sowohl
12 Ebd. 163–166.
13 Ebd. 166–170.
14 Zit. n. Anton Hopfgartner, Kurt Schuschnigg. Ein Mann gegen Hitler (Graz 1989) 154.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918