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Eva Pfanzelter
tig einen Ausgleich mit Deutschland zu erreichen18. Es wurde ein Organ für
ständige gegenseitige Konsultationen, zusammengesetzt aus den Ministern für
auswärtige Angelegenheiten, geschaffen. Auch wurde festgehalten, dass kei-
ner der Staaten im Alleingang die Frage der Donaustaaten aufnehmen solle19.
Die Protokolle behielten bis März 1938 ihre Gültigkeit, doch der sich nun rapi-
de wandelnde außenpolitische Handlungsspielraum Italiens verringerte die
Bedeutung der Abkommen erheblich. Ausschlaggebender Faktor dafür war
das sich ändernde Verhältnis zwischen Italien und Deutschland. Während
Schuschnigg trotz internationaler Isolation weder bereit war, eine grundsätz-
liche Oppositionshaltung zu Deutschland einzunehmen, noch eine offensive
Annäherung an Hitler zu betreiben, entfernte sich Italien nun aus strategi-
schen Überlegungen zusehends von seiner protektionistischen Haltung ge-
genüber Österreich. Die Frage nach der Sicherung der Unabhängigkeit Öster-
reichs rückte im Zuge der – zunächst hauptsächlich durch das Deutsch Reich
vorangetriebenen – deutsch-italienischen Annäherung merklich in den Hin-
tergrund bzw. nahm eine neue Richtung ein: Bereits zu Beginn 1936 deutete
sich diese gewandelte Position Mussolinis an: In einem Gespräch mit dem
deutschen Botschafter, von Hassell, meinte er nun, nichts dagegen einzuwen-
den zu haben, sollte Österreich als „formell unbedingt selbständiger Staat“
ein Satellit Deutschlands werden20. Die Annäherung zwischen Italien und
Deutschland wurde in der Folgezeit zunehmend sichtbar und kulminierte
schließlich im Stahlpakt 1939.
Die Annäherung Deutschland-Italien wirkte sich auch folgenschwer
auf die Beziehungen des Mittelmeerlandes zu Österreich aus: Italien drängte
Österreich nun konsequent auf eine Normalisierung der Beziehungen zum
deutschen Nachbarn. Bei einem Treffen Schuschniggs mit Mussolini im Juni
1936 erklärte der italienische Diktator dann auch unumwunden, dass es Ita-
lien leichter fiele, Österreich zu helfen, wenn beide Staaten gute Beziehungen
zum Deutschen Reich unterhielten21. Für Österreich waren damit und auf-
grund des zunehmenden Drucks aus Deutschland auch innenpolitische Ent-
scheidungen verbunden: Trotz Aufrechterhaltung des nationalsozialistischen
18 Zit. n. Hopfgartner, Kurt Schuschnigg 165.
19 Ebd.
20 Zit. n. Ebd. 159.
21 Ebd. 166–168.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918