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Jörg Ernesti
eigene Kurie gehabt und war als Sitz eines Weihbischofs relativ unabhängig
gewesen. Die Situation wurde dadurch noch komplizierter, dass die Mehrheit
der Deutsch-Südtiroler in den zehn Dekanaten lebte, die auch bisher schon
zum Bistum Trient gehört hatten, darunter die Bevölkerung des Etschtals mit
Bozen und Meran und des Vintschgaus. Hier war bislang eine gewisse Eigen-
ständigkeit durch einen deutschen Kapitelsvikar und eine deutschsprachige
Priesterausbildung gewährleistet gewesen. Wie würde es nun unter italieni-
scher Herrschaft weitergehen?
Den alten Fürstbistümern Trient und Brixen war es nach der Säkulari-
sation von 1803 im Vergleich zu den anderen Fürstbistümern im Heiligen Rö-
mischen Reich Deutscher Nation verhältnismäßig gut ergangen. Die Bischöfe
hatten ihren Titel behalten können. Der Brixner musste seine Residenzen, die
Hofburg und Schloss Bruneck, nicht aufgeben. Das Brixner Domkapitel und
der Bischöfliche Stuhl hatten ihren umfangreichen Besitz (v.a. Wälder) be-
halten können. Bedeutende Stiftungen gewährleisteten die Seelsorge in den
Dörfern und Städten. Würde Italien die kirchlichen Rechtsverhältnisse un-
berührt lassen? Immerhin wurde seit 1919 von der Regierung die congrua, der
Beitrag zum Unterhalt des Klerus, der allen italienischen Diözesen zustand,
nach Brixen überwiesen.
Der spätere Salzburger Erzbischof Sigismund Waitz, seit 1913 Weih-
bischof und Generalvikar von Brixen mit Sitz in Feldkirch, nahm unmittelbar
nach Kriegsende Fühlung zu den Siegermächten auf. Er gehörte zeitweise
zu den Hauptbefürwortern der Schaffung eines neutralen Freistaates bzw.
Fürstentums Tirol mit einem Habsburger an der Spitze8. Als junger Priester
war er von Aemilian Schöpfer, dem Pionier des Tiroler Pressewesens, zum
Chefredakteur der „Brixner Chronik“ ernannt worden. Beide einte ihr Enga-
gement in der christlich-sozialen Bewegung. Waitz konnte erreichen, dass der
Nuntius bei der italienischen Regierung vorstellig wurde, um den Plan eines
Freistaats vorzutragen. Erreichen ließ sich freilich nichts.
Waitz wandte sich auch an den abgedankten Kaiser Karl im Schweizer
Exil. Dieser appellierte im Sommer 1919 an den Münchner Nuntius Eugenio
8 Helmut Alexander, Sigismund Waitz. Vom Brixner Weihbischof und Generalvikar von
Vorarlberg zum Apostolischen Administrator von Innsbruck-Feldkirch, in: Sigismund Waitz.
Seelsorger, Theologe und Kirchenfürst, hrsg. von Ders. (Innsbruck et al. 2010) 173–224; Hans
Jablonka, Waitz – Bischof unter Kaiser und Hitler (Wien 1971); Richard Schober, Die Tiroler
Frage auf der Friedenskonferenz von St. Germain (Innsbruck 1982) 202–317.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918