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Jörg Ernesti
der kirchlichen Verhältnisse angegangen, indem man einerseits die eigene
Unparteilichkeit demonstrierte, andererseits einer weiteren politischen Ent-
wicklung nicht vorgriff13. Als Entgegenkommen in Richtung der italieni-
schen Regierung wird man zu deuten haben, dass die seit der ottonischen
Zeit bestehende Verbindung Brixens mit dem Erzbistum Salzburg, dem Sitz
des Primas Germaniae, gekappt wurde (1920 für Brixen, 1921 für Trient). Die
Ausübung kirchlicher Jurisdiktion durch Ausländer wäre im politischen
Rom nicht vermittelbar gewesen. Freilich wurde vorerst keine neue Kirchen-
provinz geschaffen, sondern es wurden Brixen und Trient direkt dem Heili-
gen Stuhl unterstellt – aus kirchenrechtlicher Sicht ein Provisorium, das in
der gegenwärtigen Situation gut geeignet schien14. Den Österreichern kam
der Heilige Stuhl dadurch entgegen, dass die Gebiete nördlich des Brenners
vorerst nicht in den Rang einer eigenen Diözese erhoben wurden, sondern in
Innsbruck lediglich ein Apostolischer Administrator eingesetzt wurde, der
direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt blieb und quasi die Kompetenzen eines
Ortsordinarius hatte. Am 21. März 1921 erhielt der österreichische Teil der
Diözese Brixen den Titel Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch. Die
Priester konnten selbst entscheiden, ob sie nördlich oder südlich des Brenners
tätig sein wollten.
Damit war die Bistumseinheit formell gewahrt. Der Vatikan blieb kon-
sequent auf dem einmal eingeschlagenen Weg, mit einer dann nicht mehr
provisorischen Neuordnung der Bistumsgrenzen zuzuwarten, bis der poli-
tische Konflikt um Südtirol endgültig beigelegt war. Erst 1964 sollte es zur
Neugründung des Bistums Brixen in den Grenzen der Provinz Südtirol, der
Gründung einer Diözese Innsbruck und der Einrichtung einer Kirchenpro-
vinz Trient mit dem einzigen Suffraganbistum Brixen kommen. Der Vatikan
greift grundsätzlich territorialen Regelungen zwischen Staaten nicht durch
eigene Grenzziehungen vor, wie man sehr anschaulich im Hinblick auf den
Parallelfall DDR zeigen kann. Auch dort blieben die ostdeutschen Territorien
mit den westdeutschen Mutterdiözesen nominell verbunden, gleichzeitig
13 Gianni Faustini, Die katholische Kirche als Institution. Das langwierige Problem der
Diözesangrenzen, in: Die Region Trentino-Südtirol im 20. Jahrhundert, Bd. 1 (= Pubblicazioni
del Museo Storico in Trento: Grenzen 5), hrsg. von Giuseppe Ferrandi (Trient 2007) 657–667.
14 Scottà, Diario del Barone Carlo Monti (2) 518 (18.12.1919); Acta Apostolicae Sedis 13
(1921) 226 (25.4.1921).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918