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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
78.000 Personen, wanderte tatsächlich aus. In der Heimat blieben ca. 150.000
Optanten, von denen wiederum ein schwaches Drittel von Deutschland ein-
gebürgert wurde5.
In der nördlichsten Provinz Italiens herrschte somit nach Kriegsende
eine für den Staat beunruhigende Situation, da ein großer Teil der Bevölke-
rung nicht im Besitz der italienischen Staatsbürgerschaft war. Die Regierung
musste bestrebt sein, eine Normalisierung des sozialen, wirtschaftlichen
und politischen Lebens in der Grenzprovinz herbeizuführen, zunächst lag
ihr aber vor allem daran, die Brennergrenze für Italien zu sichern. Zu diesem
Zweck instrumentalisierte Außenminister bzw. Ministerpräsident Alcide De
Gasperi das Optantenproblem nachdrücklich, indem er die Staatsbürger-
schaftsoption von 1939 einer eigenen und auch anfechtbaren, weil stark ver-
kürzten Interpretation unterwarf. Nach De Gasperi bedeuteten die Optionen
keineswegs eine Entscheidung für die Umsiedlung in das „Reich“, sondern
waren als ein freiwilliges Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu werten6.
Durch diese Auslegung der Optionen sollte die Mehrheit der Südtiroler und
deren Ansinnen auf Selbstbestimmung desavouiert werden.
De Gasperi befürchtete, die Alliierten könnten die Zukunft Südtirols
mittels einer Volksabstimmung entscheiden. In dieser Situation kam ihm die
ungeklärte Staatsbürgerschaft der Optanten gelegen, denn es war klar, dass
an einer etwaigen Volksabstimmung nur italienische Staatsbürger teilneh-
men könnten. Um die deutsch- und ladinischsprachige stimmberechtigte
Bevölkerung gegenüber der italienischen in die Minderheit zu drängen und
dadurch eine eventuelle Zustimmung für die Beibehaltung der Brennergren-
ze zu erreichen, erachtete De Gasperi nicht nur die einst von Deutschland
5 Zur Südtiroler Option und Umsiedlung u.a. Karl Stuhlpfarrer, Umsiedlung Südti-
rol 1939–1940, 2 Bde. (Wien–München 1985); Leopold Steurer, Südtirol zwischen Rom und
Berlin (Wien–München–Zürich 1980); Die Option. 1939 stimmten 86 % der Südtiroler für das
Aufgeben ihrer Heimat. Warum? Ein Lehrstück in Zeitgeschichte, hrsg. von Reinhold Mess-
ner (München–Zürich 1989); Heimatlos. Die Umsiedlung der Südtiroler, hrsg. von Helmut
Alexander, Stefan Lechner, Adolf Leidlmair (Wien 1993); Federico Scarano, Tra Hitler e
Mussolini. Le opzioni dei sudtirolesi nella politica estera fascista (Milano 2012).
6 Noch am Tag der Unterzeichnung des Pariser Abkommens erklärte De Gasperi in
einer internen Besprechung der italienischen Delegation in Paris, „objektiv gesehen“ müsse
man zugegen, dass die Nazis und Faschisten großen Druck ausgeübt hätten, für Deutsch-
land zu optieren. Protokoll der Besprechung der italienischen Delegation in Paris, Paris, 5. 9.
1946, in: I documenti diplomatici italiani, Decima serie: 1943–1948, Bd. IV, 13 luglio 1946–1º
febbraio 1947, hrsg. von Ministero degli Affari Esteri. Commissione per la pubblicazione
dei documenti diplomatici (Roma 1994) (künftig: DDI X/4) Dok. 261, 312.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918