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Die Revision der Staatsbürgerschaftsoptionen von 1939
terien zu den Ausschlussgründen boten jedenfalls einen gewissen Interpretati-
onsspielraum. Nach Viktoria Stadlmayer hatte die SVP mit der Zurückweisung
des zuvor mitbeschlossenen Innocenti-Entwurfes eine „weise Entscheidung“
getroffen, da ein sofortiges Inkrafttreten des Gesetzes nicht ausdrücklich vor-
gesehen gewesen wäre87. Dies heißt aber nicht, dass eine zeitnahe Umsetzung
nicht trotzdem hätte erfolgen können. So ist letztlich wohl dem Resümee des po-
litisch gemäßigten Raffeiner zuzustimmen, die SVP habe durch die Ablehnung
des bereits beschlossenen Optantengesetzes von 1946 einen Fehler gemacht88.
Auch der Hardliner Otto von Guggenberg war dieser Ansicht. Noch
vor Abschluss der Verhandlungen meinte er, die SVP hätte den Entwurf von
1946 akzeptieren und nicht auf Grubers Versicherungen bauen sollen, er wür-
de eine bessere Lösung erzielen. Ein ganzes Jahr sei verloren worden, ein
Jahr, in dem Optanten aus der lokalen Administration entlassen und durch
Italiener ersetzt worden seien89.
In den römischen Verhandlungen machte Italien noch einige kleine-
re Zugeständnisse und sicherte faire Verfahren zu. Der Artikel zu den Aus-
schlussgründen wurde aber keineswegs aufgeweicht90. Das von Österreich
und der SVP verfolgte Ziel, die Optionen von 1939 mit einem Federstrich für
null und nichtig zu erklären, konnte nicht erreicht werden.
Ausschlaggebend für die Einschätzung, dass das Optantendekret in Durch-
führung des Pariser Abkommens die schlechtere Lösung war als der zwischen
Bozen und Rom im Vorfeld vereinbarte Entwurf von 1946 ist der Faktor Zeit.
Das Optantendekret vom Februar 1948 kam vor allem für die umgesiedelten
Südtiroler zu spät, zumal der Rückkehrwunsch nach Südtirol im Laufe der
Jahre stetig schwächer wurde. Bereits Anfang 1947 hatte ca. ein Drittel der Süd-
tiroler in Österreich erklärt, dort bleiben zu wollen91. Deshalb regte die SVP
87 Stadlmayer, Kein Kleingeld im Länderschacher 230.
88 Diese Einschätzung teilt auch Leopold Steurer. Steurer, Südtirol 1943–1946, 97; auch
Günther Pallaver, Leopold Steurer, Ich teile das Los meiner Erde/Condividerò la sorte della
mia terra. August Pichler 1898–1963 (Bozen 1998) 110.
89 Edgeworth Murray Leslie, Bericht über die Beratung von SVP-Vertretern mit Gruber in
Wien, 7. 9. 1947, in: Gehler, Akten zur Südtirol-Politik 2, Dok. 280, 574.
90 Im Vergleich zum Entwurf von 1946 wurden nun auch zentrale Befehlshaber des Si-
cherungs- und Ordnungsdienstes (SOD) einbezogen.
91 Stefan Lechner, Helmut Alexander, Die Rücksiedlung, in: Heimatlos. Die Umsied-
lung der Südtiroler, hrsg. von Helmut Alexander, Stefan Lechner, Adolf Leidlmair (Wien
1993) 181–271, hier 183; auch Raffeiner, Tagebücher, Eintrag vom 10. 8. 1948, 415.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918