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Peter Thaler
deutschen Sprachraum8. Der Österreichisch-Deutsche Volksbund, dem sich
führende Politiker aller großen Parteien zur Förderung des Anschlussgedan-
kens angeschlossen hatten, umfasste 1930 über eine Million Mitglieder, wobei
allerdings der korporative Beitritt von ganzen Organisationen berücksichtigt
werden muss9.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland än-
derten sich auch die Rahmenbedingungen des deutsch-österreichischen Ver-
hältnisses. Ein Zusammenschluss der beiden Staaten hätte nicht mehr zwei
demokratische Gesellschaften miteinander verbunden, sondern die Einglie-
derung Österreichs in die nationalsozialistische Diktatur bedeutet. Sowohl
Christlichsoziale wie Sozialdemokraten suspendierten daher ihre Anschluss-
forderungen. Vor allem die Sozialdemokraten machten dabei aber klar, dass
dies keineswegs als dauerhafte Abwendung von Deutschland zu verstehen
sei. Vielmehr wolle man Österreich dadurch als Zufluchtsstätte für die deut-
sche Freiheit, Demokratie, Kultur und Arbeiterbewegung bewahren, bis ganz
Deutschland wieder frei würde10. Und noch nach dem deutschen Einmarsch
im März 1938 erklärten führende Exilsozialdemokraten, dass der Widerstand
nicht der Wiederherstellung des verschwundenen Österreichs gelten könne,
sondern nur der gesamtdeutschen Revolution11.
Der Gedanke an eine eigenständige österreichische Nation fand in
den Kernbereichen der Bevölkerung wenig Widerhall. An den gesellschaft-
lichen Außenpolen wuchsen indes neue Vorstellungen heran. Die Anhänger
des ehemaligen Kaiserhauses konnten dem Anschluss an Deutschland nichts
abgewinnen, weil er die von ihnen erhoffte Rückkehr der Habsburger auf
den Thron ausgeschlossen hätte. Obwohl sie ursprünglich kein besonderes
Interesse an der Nationsfrage hatten – ihre Loyalität richtete sich ja an ganz
anderen Anknüpfungspunkten aus –, erkannten die Legitimisten die Not-
8 Zu diesem Aktivismus siehe auch Erin R. Hochman, Ein Volk, ein Reich, eine Repu-
blik: Großdeutsch Nationalism and Democratic Politics in the Weimar and First Austrian
Republics, in: German History 32 (2014) 29–52.
9 Siehe Peter Katzenstein, Disjoined Partners (Berkeley 1976) 147; Wolfgang Rosar,
Deutsche Gemeinschaft: Seyss-Inquart und der Anschluß (Wien 1971) 46.
10 Oesterreichs staatliche Zukunft und die Sozialdemokratie, in: Arbeiter-Zeitung
(13.5.1933) 1.
11 Fritz Klenner, Eine Renaissance Mitteleuropas: Die Nationswerdung Österreichs
(Wien 1978) 190.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918