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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
Wenngleich staatsrechtlich ein Unterschied zwischen den Bewohnern des
neuen Österreichs und den übrigen deutschsprachigen Bevölkerungen der
Habsburgermonarchie entstanden war, erloschen damit nicht die engen Be-
ziehungen. Die Erste Republik war bewusst als Vertretung der Deutschen
der ehemaligen Monarchie gegründet worden. In der frühen Republik war
man auch sehr darauf bedacht, deutschsprachigen Zuwanderern aus den
Nachfolgestaaten den Zugang zur österreichischen Staatsbürgerschaft mög-
lichst einfach zu gestalten29. Auch danach betrachtete man sich als natürliche
Schutzmacht für diese Minderheiten und wachte manchmal sogar recht eifer-
süchtig darüber, in dieser Rolle nicht vom Deutschen Reich überflügelt zu
werden. Die nationalsozialistische Machtübernahme in Deutschland kompli-
zierte danach das Verhältnis zwischen verschiedenen deutschsprachigen Be-
völkerungen, bis sich Ende der 1930er Jahre eine Gleichschaltung auf natio-
nalsozialistischer Grundlage durchsetzte. Im Jahre 1938 fanden sich sowohl
Österreicher wie Sudetendeutsche in Hitlers Reich wieder, wie auch die deut-
schen Minderheiten im Südosteuropa zunehmend nazifiziert wurden. An der
Ausdehnung der deutschen Macht- und Einflusssphäre nach Südosteuropa
während des Zweiten Weltkrieges waren Österreicher wie Sudetendeutsche
schon als Reichsangehörige beteiligt.
Mit der deutschen Niederlage und der Wiedererrichtung der österrei-
chischen Republik änderte sich auch das Verhältnis Österreichs zu den ehe-
maligen Schicksalsgefährten. Als die deutschsprachigen Vertriebenen und
Flüchtlinge aus dem europäischen Südosten und den böhmischen Ländern
zu Hunderttausenden in Österreich ankamen, wollte man mit ihnen mög-
lichst wenig zu tun haben30. Auch in der Flüchtlingsfrage zeichnete sich der
nationale Gleichklang von Konservativen und Kommunisten ab. Als der
konservative Bundeskanzler Leopold Figl die 1945 in Österreich zu erwar-
tenden Sudetendeutschen nach Deutschland geschickt haben wollte, wusste
der kommunistische Staatssekretär Franz Honner Rat: die Sowjets könnten
29 Siehe Stenographisches Protokoll der konstituierenden Sitzung der Nationalversamm-
lung der deutschen Abgeordneten, 181 f., in Protokolle über die Sitzungen der Provisorischen
Nationalversammlung für Deutschösterreich: 1918 und 1919 (Wien 1919) und Vom Rechtlo-
sen zum Gleichberechtigten, Bd. 2, hrsg. von Edwin Machunze (Salzburg 1976) 13.
30 Die deutschsprachigen Vertriebenen und Flüchtlinge in Österreich kamen fast aus-
schließlich aus dem Bereich der ehemaligen Habsburgermonarchie.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918