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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
deutschen, für die das nicht gelten sollte? Die Differenzierung wirkte eher
pragmatisch als grundsätzlich. Eine Sonderstellung Südtirols ergab sich aus
der Rolle des Bundeslandes Tirols. Zwar hatten auch Länder wie Kärnten,
Niederösterreich und nicht zuletzt die Steiermark nach dem Ersten Welt-
krieg deutschorientierte Bevölkerungsgruppen an Nachbarstaaten verloren,
doch fielen diese Minderheiten 1945 kaum mehr ins Gewicht. Die Abtren-
nung der südlichen Landesteile bis Salurn war dagegen als prägendes Ereig-
nis ins Tiroler Bewusstsein eingegangen. Schon in der Zwischenkriegszeit
hatte man durch Überlegungen zur Eigenstaatlichkeit oder zum eigenstän-
digen Anschluss an das Deutsche Reich zu erkennen gegeben, dass der Zu-
sammenhalt des deutsch- und ladinischsprachigen Tirols für viele regionale
Entscheidungsträger wichtiger war als die Verknüpfung mit Wien45. Auch in
der Zweiten Republik stellte Tirol sich regelmäßig als eines der am stärksten
regional geprägten Bundesländer dar. Während sich noch 1987 in einer Um-
frage 55 % der Niederösterreicher und 46 % der Wiener vorrangig als Ös-
terreicher definierten, waren dies in Tirol nur 19 %. Nicht weniger als 58 %
dagegen fühlten sich in erster Linie ihrem Bundesland verbunden46. Schon
allein aus diesem Grund war es ratsam, die Tiroler Landespolitik nicht vor
den Kopf zu stoßen.
Die Südtirolfrage unterschied sich auch dadurch von anderen zeitge-
nössischen Minderheitenfragen, dass Österreich nicht bloß als uneigennüt-
zige Schutzmacht auftrat. Gerade in der frühen Diskussion klang wiederholt
durch, dass Österreich selbst durch den Verlust Südtirols Unrecht erlitten
habe47. Die Ende der 1940er Jahre mit verkehrsmäßigen Argumenten ins Spiel
gebrachte Forderung nach Anschluss des nördlichen Südtirols könnte eben-
falls als Bevorrangung österreichischer Interessen aufgefasst werden48. Der
Identifizierung mit Südtirol half es auch, dass dessen Image sich nahtlos in
das Selbstverständnis der die frühen Nachkriegsjahre prägenden Österrei-
45 Siehe dazu auch Tirol und der Anschluß, hrsg. von Thomas Albrich, Klaus Eisterer,
Rolf Steininger (Innsbruck 1988).
46 Dr. Fessel und Co., Österreichbewußtsein (1987) 23.
47 Siehe dazu etwa Karl Renner in Stenographisches Protokoll der 1. Sitzung des Natio-
nalrates der Republik Österreich, V. Gesetzgebungsperiode, Mittwoch, 19. Dezember 1945,
S. 9. Abgerufen am 22. 5. 2014 unter http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/V/NRSITZ/
NRSITZ_00001/imfname_112493.pdf
48 Zur Pustertallösung siehe Steininger, Los von Rom? 67–87.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918