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Peter Thaler
chischen Volkspartei einfügen ließ. Mit ihrer Reputation als heimatliebend
bodenständiger Bevölkerung mit tiefverwurzelter katholischer Religiosität
passten die Südtiroler weit besser zur Symbolsprache des zeitgenössischen
Österreichpatriotismus als etwa die Sudetendeutschen, bei denen die christ-
lichsoziale Bewegung schon während der Monarchie von sowohl Deutsch-
nationalen wie Sozialdemokraten überschattet war. Dadurch hatten die Ver-
treter Südtirols nicht nur enge persönliche Kontakte zu den konservativen
Eliten Nachkriegsösterreichs, sondern appellierten auch besser an ihre Ge-
fühlswelt. Sogar der Ruf besonderer Habsburgtreue haftete den Tirolern im
Allgemeinen an, was vor allem den intellektuellen Vorkämpfern der nationa-
len Umorientierung entgegenkam49.
Zuletzt darf man aber auch die realpolitischen Besonderheiten der
einzelnen Minderheitenfragen nicht außer Betracht lassen. In Südtirol konn-
te man sich offen für eine deutschsprachige Bevölkerung einsetzen, ohne
schmerzhafte Repressalien seitens der Besatzungsmächte befürchten zu
müssen. Während Italien als zeitweiliger Verbündeter des nationalsozialisti-
schen Deutschlands nun selbst mit Landeinbußen zu rechnen hatte, zählten
die Tschechoslowakei und Jugoslawien zu den Gewinnern des Krieges. Ihre
Ausweisungspolitik gegenüber unerwünschten Minderheiten war interna-
tional abgesichert und wurde vor allem von der Sowjetunion als Instrument
der Friedensstiftung dargestellt. Jeder Widerspruch dagegen forderte inter-
nationale Angriffe heraus und bedrohte die Kernziele der österreichischen
Außenpolitik50.
Diese pragmatischen Unterschiede kamen auch in den darauffolgen-
den Jahrzehnten zu Geltung. Während in den ehemaligen Minderheitenge-
bieten anderer Nachfolgestaaten kaum mehr deutschsprachige Bevölkerun-
gen vorhanden waren, entwickelte Südtirol sich zu einem internationalen
Spannungsherd51. Die Konflikte einer historisch und kulturell verbundenen
Bevölkerungsgruppe mit einer überlegenen Staatsmacht erregten auch die
österreichische Öffentlichkeit. Damit wurde die Südtirolfrage zu einem aus-
49 Zum konservativen Österreichpatriotismus der frühen Nachkriegszeit siehe Albert
Reiterer, Österreichbewußtsein im bürgerlichen Lager nach 1945, in: Zeitgeschichte 14
(1986/87) 379–397.
50 Siehe auch Brunhilde Scheuringer, Dreißig Jahre danach (Wien 1983) 342.
51 Zur Südtirolfrage in dieser zentralen Periode siehe vor allem Rolf Steininger, Südtirol
zwischen Diplomatie und Terror: 1947–1969, 3 Bände (Bozen 1999).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918