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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
gesprochenen Bindeglied in der österreichischen Gesellschaft, die sogar die
neu aufgeworfenen Gegensätze im nationalen Selbstverständnis überwinden
half. Für die Österreichische Volkspartei war Südtirol schon durch ihre ein-
seitige Dominanz in der Tiroler Landespolitik ein wesentliches Anliegen, das
zugleich auch den Sonderanspruch der Partei auf österreichischen Patriotis-
mus unterstreichen konnte. Die Sozialdemokraten wiederum stellten demo-
kratische Minderheitenrechte in den Mittelpunkt52. Auch die Kommunisti-
sche Partei konnte sich in den nationalen Konsens einordnen, da die Sowjet-
union an diesem Konflikt wenig Anteil nahm und der österreichischen Partei
dadurch erheblichen Gestaltungsraum ließ53.
Besonders grenzüberwindend wurde die Südtirolfrage aber dadurch,
dass auch die verbliebene deutschnationale Opposition die Regierungspoli-
tik mittrug. Grenz- und Minderheitenfragen hatten sogar unter sich weiterhin
bewusst als Deutsche fühlenden Österreichern zu einer neuen Wertschät-
zung der österreichischen Eigenstaatlichkeit geführt. Diese Umorientierung
drückte der Kärntner Landesarchivdirektor Wilhelm Neumann aus, der die
Unabhängigkeit des österreichischen Staates als Voraussetzung dafür ansah,
dass zumindest der Südosten des deutschen Siedlungsgebiets vor Einbußen
bewahrt wurde54. Dabei dachte Neumann neben der Grenze zu Jugoslawien
wohl auch an Südtirol. Immerhin kam es dort zu einer Zeit, als deutschspra-
chige Minderheiten in weiten Teilen Europas ihre Existenzgrundlage verlo-
ren, zu ernsthaften Überlegungen über eine Rückgliederung an Österreich
und zuletzt immerhin einer Verbesserung der kulturellen Rahmenbedingun-
gen. Damit trug die Südtirolfrage nicht nur zur Akzeptanz der österreichi-
schen staatlichen Unabhängigkeit unter ihren vormals größten Skeptikern
bei, sondern förderte auch den Zusammenhalt von gesellschaftlichen Grup-
pen mit unterschiedlichen Nationsauffassungen.
52 Siehe dazu etwa Hans Brachmann in Stenographisches Protokoll, 16. Sitzung des
Nationalrates der Republik Österreich, V. Gesetzgebungsperiode, Mittwoch, 22. Mai 1946,
S. 253. Abgerufen am 23. 5. 2014 unter http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/V/NRSITZ/
NRSITZ_00016/imfname_141077.pdf
53 Zur Haltung der österreichischen Parteien und Öffentlichkeit siehe auch Werner
Wolf, Südtirol in Österreich: Die Südtirolfrage in der österreichischen Diskussion von 1945
bis 1969 (Würzburg 1972).
54 Wilhelm Neumann, Bausteine zur Geschichte Kärntens (Klagenfurt 1994) 224.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918