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Peter Thaler
4. Der Einfluss der österreichischen
Nationsbildung auf die Südtiroler
Die nationale Umorientierung in Österreich hatte aber auch Bedeutung für
die deutschsprachigen Südtiroler. Da sie sich nicht im direkten Wirkungs-
bereich österreichischer staatlicher Institutionen befanden, nahmen sie nicht
unmittelbar am österreichischen Nationsbildungsprozess teil. Zugleich übten
österreichische Medien und Universitäten jedoch bedeutsamen Einfluss auf
Südtirol aus. Diese Zwischenstellung drückte sich auch im Selbstverständnis
der Südtiroler aus, in dem verschiedene Aspekte mitteleuropäischer Identi-
tätsbildung nebeneinander auftraten. Weitaus unproblematischer als in Ös-
terreich lebte in Südtirol die Eigen- und Fremdbezeichnung als Deutscher
fort, die auch durch die sprachliche Gliederung des nationalen Konfliktver-
hältnisses vorgegeben war. Zugleich aber nahmen Teile der Südtiroler Öf-
fentlichkeit durchaus die Beschreibung als österreichische Minderheit an, die
dem neuen österreichischen Staatsverständnis besser entgegenkam55.
Italienische Politiker wiederum haben den Begriff der österreichi-
schen Minderheit regelmäßig abgelehnt56. Dazu trugen auch die unklaren
Implikationen einer solchen Definition bei57. Solange die Minderheit sich an-
hand ihrer deutschen Sprache bestimmte, war auch der Rahmen der Autono-
mie auf diese Weise abgesteckt. Die deutschsprachigen Südtiroler genossen
rechtlichen Schutz für ihre kulturelle Eigenart. Politische Grenzen wurden
dadurch nicht berührt.
Bei einer Definition als österreichischer Minderheit stellte sich dage-
gen die Frage, worauf dieses Österreichersein der Südtiroler beruhe. Als re-
gionale Identität wäre dies natürlich unbestritten, würde aber nicht aus dem
deutschen Rahmen herausfallen und dadurch der nationalösterreichischen
Selbstauffassung widersprechen. Die Vorstellung einer ethnokulturellen
55 So etwa der ehemalige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder, der diesen
Begriff häufig verwendete. Siehe Gerhard Mumelter, 150 Jahre Italien: Südtirol will nicht
mitfeiern, in: Der Standard (9. 2. 2011) abgerufen am 23. 5. 2014 unter http://derstandard.
at/1296696681529/150-Jahre-Italien-Suedtirol-will-nicht-mitfeiern
56 Siehe etwa Akten zur Südtirol-Politik 1959–1969, Band. 2, 1960: Vor der UNO, hrsg. von
Rolf Steininger (Innsbruck 2006) 552, 559, 560, 590.
57 Daneben gab es auch den Wunsch, das propagandistisch nützliche Image des Panger-
manismus bewahren zu können. Siehe dazu ebd. 588.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918