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Der Sonderfall: Südtirol und die Grenzen der österreichischen Nachkriegsnation
österreichischen Nation wiederum hatte zwar vor allem in der Nachkriegs-
zeit überzeugte Proponenten gefunden, sich aber auf Dauer nicht durchset-
zen können. Die Zugehörigkeit zu einer österreichischen Willensnation lie-
ße einerseits die Frage offen, ob dieser Wille sich gerade im Wunsch nach
staatlicher Zugehörigkeit äußere; andererseits wiederum bedürfte eine bloße
bewusstseinsmäßige Verbundenheit mit Österreich keiner kulturellen Son-
derrechte für die deutsche Sprache. Somit verbliebe als Anknüpfungspunkt
einer österreichischen Minderheit in Südtirol in erster Linie die österreichi-
sche Staatsnation, die ja auch dem amtlichen Selbstverständnis der öster-
reichischen Nachkriegspolitik entspräche. Damit beinhaltet der Status einer
österreichischen Minderheit aber eine weitaus politischere Komponente als
seine Alternativen als deutsch(sprachig)e oder Südtiroler Minderheit.
5. Schlussfolgerungen
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die deutschsprachigen Bewohner der ehe-
maligen Habsburgermonarchie auf die Nachfolgestaaten verteilt. Von 12 Milli-
onen Bürgern fanden sich nur wenig mehr als die Hälfte in der neuen österrei-
chischen Republik wieder. Damit trennte sich die geschichtliche Entwicklung
einer Bevölkerung, die sich zumindest im österreichischen Reichsteil als Teil
eines einheitlichen deutschösterreichischen Staatsvolkes verstanden hatte.
Trotz dieser unterschiedlichen politischen Wege bewahrten die Öster-
reicher in der Zwischenkriegszeit ein besonderes Verhältnis zu ihren ehema-
ligen Mitbürgern. Als einzige deutschsprachige Teilgruppe der Monarchie,
die nunmehr einen eigenen Staat hatte, sahen sich die Bewohner der öster-
reichischen Republik zu Solidarität mit ihren zu nationalen Minderheiten
gewordenen Sprachgenossen aufgerufen. Da sich die österreichische Repub-
lik ausdrücklich als deutscher Staat definierte, stand das deutsche Selbstver-
ständnis dieser Minderheiten einer Zusammenarbeit nicht im Wege.
Mit der nationalen Umorientierung Österreichs nach dem Zweiten
Weltkrieg veränderte sich auch die Grundhaltung zu diesen Bevölkerungen.
Als sogenannte Volksdeutsche fielen sie nach staatlicher Selbstauffassung
nicht in den österreichischen Zuständigkeitsbereich. Dass man aufgrund der
noch weitaus umfangreicheren Flüchtlingsströme ins Nachkriegsdeutsch-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918