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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
ten Weltkrieg kennengelernt und bestätigte 1921 dessen ablehnende Haltung
gegenüber der Annexion Südtirols. Nach dem Ersten Weltkrieg versuchte De
Gasperi vergebens, in den von Italien neu annektierten Provinzen und vor
allem in den Gemeinden die Autonomie, die sie im Kaisertum Österreich ge-
nossen hatten, zu erhalten11. Noch viele Jahre später, im Jahr 1957, beschrieb
Reut-Nicolussi De Gasperi als einen Politiker, der im Habsburgerreich mit
großem Geschick und mit Hartnäckigkeit die Interessen des Trentino gegen-
über den deutschen Tirolern vertrat – und das mit einer fast supranationalen
Objektivität12.
Am 8. August 1945 schrieb Reut-Nicolussi in der renommierten Ber-
ner Tageszeitung „Der Bund“ einen offenen Brief an De Gasperi, den er in
deutscher und italienischer Sprache verfasste und der den Titel „Appell zur
Versöhnung“ trug. In seinem Brief erinnerte Nicolussi an die Zeit nach dem
Ersten Weltkrieg, als sie beide Abgeordnete im Parlament in Rom waren:
De Gasperi als Abgeordneter für Trient und Reut für Bozen. Beide kämpf-
ten gegen den Faschismus und wurden dafür verfolgt. Basierend auf dem
Grundsatz der Gerechtigkeit und der Demokratie und mit der größten Ach-
tung der Rechte, die der italienischen Minderheit in Südtirol zuteilwerden
konnte, kam Nicolussi, nachdem er am Anfang die Worte „Verbrüdert in der
Gerechtigkeit“ zitierte, die als Inschrift auf dem Dante-Denkmal in Trient
zu finden sind und an die Unterdrückung durch die Faschisten erinnern, zu
dem Schluss, dass De Gasperi mit der Gewährung des Selbstbestimmungs-
rechts für Südtirol Italien den wohl größten Sieg bescheren und somit diese
schmerzende Wunde auf dem gequälten Körper unseres Kontinents für immer schlie-
ßen würde13.
ge 1918–1958. Streiter für die Freiheit und die Einheit Tirols, Teil 1, Biographie und Darstel-
lung; Teil 2, Dokumentenedition vorwiegend aus dem Nachlass (= Schlern Schriften 333/2,
Innsbruck 2007).
11 Umberto Corsini, Problemi di un territorio di confine. Trentino e Alto Adige dalla
sovranità austriaca all’Accordo De Gasperi-Gruber (Trento 1994) 397–402; Ders., Il colloquio
108 ff.; Craveri, De Gasperi 59–65.
12 Michael Gehler, Eduard Reut-Nicolussi I 46 f., II Doc. 901 1412. Viktoria Stadlmayr
meint sogar, dass er – hätte es den Ersten Weltkrieg nicht gegeben – angesichts seiner politi-
schen Position und seiner engen Verbindungen zur österreichischen christlichsozialen Par-
tei vermutlich ein äußerst konservativer österreichischer Bildungsminister geworden wäre:
Stadlmayr, Kein Kleingeld 249.
13 Text in Reut-Nicolussi, II, Doc. 525 840; auch in: Gehler, Verspielte Selbstbestimmung,
Doc. 9 134–135; Michael Gehler, Im Spannungsfeld zwischen Region, Nation und Europa.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918