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Italien und die Südtirolfrage von De Gasperi bis Moro
nauer hielt sich jedoch aus der Angelegenheit heraus142. Nach dem 25. Juni
1967, als beim Attentat auf der Porzescharte vier italienische Carabinieri ums
Leben kamen, legte Außenminister Fanfani ein Veto gegen den Beitritt Öster-
reichs zur EWG ein, den die Volkspartei unter Kanzler Klaus und Außenmi-
nister Lujo Tončić -Sorinj anstrebten. Die Beziehungen zwischen Italien und
Österreich waren an ihrem Tiefpunkt angelangt.
Erst nach dem Ende der Anschläge, zwei Jahre später, akzeptierte Ita-
lien die von Magnago vorgebrachten Verbesserungsvorschläge für das „Maß-
nahmenpaket“ mit rund 137 Richtlinien. Bei Streitfällen hinsichtlich der
Durchführung des Pakets konnte man sich an den internationalen Gerichts-
hof wenden. Österreich sollte seine Klage bei der UNO zurückziehen und
nach Umsetzung aller Punkte des Südtirol-Pakets eine Streitbeilegungserklä-
rung abgeben143. Es war dies die Lösung, die Moro schon nach dem Schei-
tern der Verhandlungen zwischen Saragat und Kreisky im Dezember 1965
angestrebt hatte: Mehr Konzessionen für Südtirol durch die Paketlösung,
die durch eine internationale Garantie abgesichert wurden, nicht aber durch
Verpflichtungen, die über das Gruber-De Gasperi-Abkommen hinausgingen.
Am Ende stand das Autonomiestatut für Südtirol.
Am 22. und 23. November 1969 wurde das Abkommen von der SVP ra-
tifiziert. Bis zuletzt gab es Widerstände radikaler Kräfte innerhalb der Partei.
Die Befürworter des Abkommens, angeführt von Magnago, erhielten nur 52,8
Prozent der Stimmen, 44,6 Prozent stimmten dagegen und 2,1 Prozent ent-
hielten sich. Am 30. November 1969 trafen sich die Außenminister Moro und
Waldheim, nachdem letzte rechtliche Bedenken ausgeräumt waren, in Ko-
penhagen. Österreich bekräftigte seinen Kampf gegen den Terrorismus und
Italien zog das Veto gegen den EWG-Beitritt Österreichs zurück. Moro sprach
von einer neuen Ära der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.
Am 15. Dezember 1969 nahm der Nationalrat in Wien das Abkommen mit den
Stimmen der ÖVP an, die sozialistische und die freiheitliche Partei stimmten
dagegen, weil sie die internationale Garantie als unzureichend ansahen.
Das Zweite Autonomiestatut für die Region Trentino-Südtirol wurde
vom italienischen Parlament am 23. Januar 1971 in erster Lesung ratifiziert
142 Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror I 797–866; II 674–760; III 633–694.
143 Monzali, Mario Toscano 210.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918