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Giulia Caccamo
Wahrscheinlich erhoffte sich Klaus den Druck von Bonn auf die Regierung in
Rom, um deren Standpunkte bezüglich des EWG-Assoziierungsabkommens
zu entschärfen. Es ist aber unklar, wie er zwischen Moskau und Bonn lavieren
wollte. Obwohl er bei einem Interview mit einem deutschen Radiosender den
Wunsch nach einem Treffen mit Kiesinger und dem italienischen Präsiden-
ten äußerte, bestand die Gefahr, dass ein offizieller Besuch in Deutschland
die Sowjets verstimmen würde. Schon die theoretische Möglichkeit eines Be-
suchs des deutschen Kanzlers in Wien hätte das Ansehen von Klaus verbes-
sert und damit einen Ausweg aus der Handlungsunfähigkeit gezeigt28. Eine
Regierungsumbildung kostete Außenminister Tončić-Sorinj am 16. Jänner
sein Amt, die deutsche Botschaft in Wien zeigte sich zufrieden mit diesem
Schritt. Einem praktisch nicht vorhandenen Außenminister, der unter anderem
als oberflächlich und ungenau galt29, folgte der gewissenhaftere Kurt Waldheim,
bisher Generalsekretär des österreichischen Außenministeriums. Die deut-
sche Botschaft bezweifelte allerdings, dass damit die beiden grundlegenden
Probleme der österreichischen Außenpolitik – der Streit um Südtirol und die
Integration in die EWG – gelöst werden könnten. Als positives Zeichen inter-
pretierte man jedoch, dass die Zuständigkeit für die EWG-Verhandlungen
vom Handels- in das Außenministerium übertragen wurde.
Aus Südtirol ließ Silvius Magnago diskret verlauten, dass er Bonns
Nichteinmischung schätzte. Eine andere Entscheidung wäre sowohl in Bezug
auf die Beziehungen mit Rom als auch mit Wien kontraproduktiv. Angesichts
der bevorstehenden Reise des deutschen Kanzlers nach Rom wies der Süd-
tiroler Landeshauptmann jedoch gleichzeitig darauf hin, dass eine Auffor-
derung Kiesingers als Europäer den noch fehlenden Schritt auf dem Weg zu
einer vollständigen Einigung zu gehen, nützlich sein könnte. Darüber hinaus
hielt er es für angebracht, die Italiener darauf hinzuweisen, dass eine Lösung
28 PAA, Bestand B26, Band 357, von der Botschaft in Wien, 20. Dezember 1967. Jedoch
wird darauf hingewiesen, dass Stellen im Protokoll vorgeben, dass er zuerst den deutschen
Kanzler besuchte.
29 PAA, Bestand B130, Band 2442A, von der Botschaft in Wien, 22. Jänner 1968. Die Grün-
de für den Wechsel der Führungsspitze des Ballhauses sind verschiedene und wahrschein-
lich nicht ausschließlich den spärlichen Resultaten der Außenpolitik zuzuschreiben, son-
dern der wenigen Sympathie, die Tončić sowohl in Wien als auch in Tirol innerhalb der ÖVP
genoss. Siehe dazu Steininger, Südtirol 776.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918