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Giulia Caccamo
und der Unterstützung der Bundesrepublik, die es als ihre Pflicht sah, die
deutsche Sprache und Kultur allerorts zu verteidigen – auch wenn es sich um
„Österreicher“ handelte. Allerdings war der Übergang zwischen diesem Ein-
satz und dem kulturellen Erbe des Pangermanismus häufig fließend.
Die Verbundenheit mit Südtirol war in Bayern besonders stark, was
anhand des Bildes vom Südtirol-Terrorismus deutlich wird – von einem Dra-
chen mit dem Kopf in Deutschland und dem Schwanz in Österreich –, das zeitweise
zum Leitmotiv der italienischen Linken und antideutschen Zeitungen wur-
de und im Hintergrund auch auf die Beziehungen zwischen Rom und Bonn
wirkte36.
Ganz anderer Natur war die Zugangsweise des Auswärtigen Amtes und
Brandts. Die Politik Deutschlands befand sich in einer entscheidenden Phase.
Die Entspannungspolitik, der Europagedanke, die Unruhen aufgrund der Pro-
testbewegungen von 1968 und des Vietnamkrieges sowie die Verteidigung wa-
ren Themen, die der Außenpolitik eine kohärente Richtung abverlangten. Große
Aufmerksamkeit erforderte vor allem die Beseitigung des sich noch in den Köp-
fen der Italiener haltenden kollektiven Bildes der unheimlichen Deutschen37.
Die Zahl von Staatsbürgern der BRD, die direkt an terroristischen Ak-
tionen beteiligt waren, war gering, es bestand aber der Verdacht, dass sie
logistisch und finanziell von Organisationen mit Sitz in München unterstützt
wurden. In der entscheidenden Phase der Krise zwischen Wien und Rom
schien ein unausgesprochenes Appeasement zwischen Italien und der Bun-
desrepublik zu herrschen. Die italienischen Behörden wussten um den Fluss
von Geldern aus der BRD nach Südtirol, vermieden es jedoch, näher darauf
einzugehen.
36 ACS, Bestand Aldo Moro, Karton 67, Akte 656, Schreiben von Luciolli an Fanfani, 16.
September 1966. Dieses wirkungsvolle Bild wurde vom italienischen Botschafter in Bonn ge-
nutzt, der es für irreführend hielt und als Begünstigung jener politischen Strömungen, wel-
che die integrationshemmenden Faktoren in der westlichen Welt bestärken wollen, verstand.
37 PAA, Bestand 24, Band 601, vom deutschen Konsul (auslaufend) in Mailand ans A.A.
(ohne Datum, wahrscheinlich Dezember 1967). Nach fünfeinhalb Jahren Aufenthalt in Mai-
land machte der Konsul vor seiner Rückkehr in die Heimat eine Reihe interessanter Fest-
stellungen zur Wahrnehmung der Italiener, insbesondere der jüngeren Generation, in Bezug
auf Deutschland. Er gab an, dass ihm im Zuge seiner Ortswechsel auf der italienischen Halb-
insel deutlich geworden sei, dass in Italien eine falsche Vorstellung von der Bundesrepublik
herrsche und drängte darauf, den jüngeren Generationen das alltägliche deutsche Leben
näher zu bringen und somit das noch stark vorherrschende negative Bild der „unheimlichen
Deutschen“ zu überwinden.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918