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Joachim Gatterer
towsk führte dies zur Unabhängigkeit Finnlands, Polens, der Baltischen Staa-
ten und der Ukraine, wobei die außenpolitische Schwäche Sowjetrusslands
zu diesem Zeitpunkt gleichfalls eine Rolle spielte30.
Es scheint ein Paradoxon zu sein, dass es gerade den Bolschewiki ge-
lang, trotz Gewährung des Selbstbestimmungsrechts 1922 einen neuen Viel-
völkerstaat, die Sowjetunion, aus der Taufe zu heben, während die Sozial-
demokratie in Österreich-Ungarn mit ihrem offen propagierten Konzept des
multiethnischen Nationalitätenbundesstaates scheiterte31. Ein wesentlicher
Grund für den Erfolg der Bolschewiki bestand in diesem Zusammenhang
jedoch weniger im Wortlaut der politischen Forderung, als vielmehr in ihrem
ausgeprägten Gespür für die Macht. Anders als die österreichischen Sozial-
demokraten praktizierten die Sowjets ihre Nationalitätenpolitik nicht als
Konzession an nationalistische Konkurrenzparteien, sondern sie setzten sich
mit Propagierung des Selbstbestimmungsrechts selbst an die Spitze der Na-
tionalbewegungen und konnten diese damit weitgehend absorbieren. In der
Praxis führte die kommunistische Nationalitätenpolitik nach der innen- und
außenpolitischen Festigung der Sowjetunion allerdings zu unterschiedlichen
Ergebnissen. Vor allem in den ersten Jahren wurden zum Teil weitreichende
Zugeständnisse an nationale und kulturelle Minderheiten gemacht, die unter
stalinistischer Herrschaft jedoch bald in eine gewaltsame Repressions- und
Umsiedlungspolitik umschlugen32.
bestimmung, bis hin zu einer Loslösung und Bildung eines selbständigen Staates. 3. Aufhebung aller
und jeglicher nationaler und nationalreligiöser Privilegien und Einschränkungen. 4. Freie Entfaltung
nationaler Minderheiten und ethnographischer Gruppen, die das Gebiet Rußlands bewohnen. Die
daraus resultierenden konkreten Dekrete werden unmittelbar nach der Bildung einer Kommission
für Angelegenheiten der Nationalitäten ausgearbeitet. Zitiert aus einer deutschen Übersetzung
der „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“ vom 2. bzw. 15. November 1917, unter-
zeichnet von Lenin und Stalin, als Übersetzung sowie im russischen Original einsehbar im
Online-Portal der Bayerischen Staatsbibliothek „100(0) Schlüsseldokumente zur russischen
und sowjetischen Geschichte“, www.1000dokumente.de/pdf/dok_0002_vol_de.pdf (letzter
Zugriff: 28.08.2017).
30 Marina Cattaruzza, Il problema nazionale per la socialdemocrazia e per il movimen-
to comunista internazionale: 1889–1953, in: La nazione in rosso. Socialismo, Comunismo e
„Questione nazionale“: 1889–1953, hrsg. von Dies. (Soveria Mannelli 2005) 9–32, hier: 22.
31 Vgl. Helmut Konrad, Between „little international“ and Great Power Politics: Aus-
tro-Marxism and Stalinism on the National Question, in: Nationalism and empire. The
Habsburg Empire and the Soviet Union, hrsg. von Richard Rudolph (New York 1992) 269–294.
32 Vgl. Cattaruzza, Il problema nazionale 22 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918