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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
der Brennergrenze heraufbeschwor, was einer indirekten Aufgabe der Selbst-
bestimmungsforderung für Südtirol gleichkam53.
Bei Ausbruch des Weltkriegs und Abschluss des deutsch-italienischen
Umsiedlungsabkommens für Südtirol 1939 (sogenannte „Option“) war die so-
zialdemokratische und kommunistische Nationalitätenpolitik an einem Tief-
punkt angelangt. Dass von kommunistischer Seite gegenwärtig keine propa-
gandistischen Äußerungen gegen die Umsiedlung bekannt sind, dürfte we-
sentlich mit der radikalen Kursänderung der Komintern zusammenhängen.
Nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts54 und Beginn
des deutschen Angriffskriegs gegen Polen hatte George Dimitroff als Leiter
der Komintern im September 1939 alle kommunistischen Parteien wissen
lassen, dass sich aufgrund des Krieges die Lage wesentlich verändert habe. Die
Teilung der kapitalistischen Staaten in faschistische und demokratische hat jetzt die
frühere Bedeutung verloren. Dementsprechend muss die Taktik geändert werden.55
Dennoch lässt sich die These vertreten, dass das Umsiedlungsabkom-
men für Südtirol im sozialistischen Lager durchwegs auf Ablehnung stieß.
Zum einen sind einige Biographien einst aktiver Sozialdemokraten und
Kommunisten aus Südtirol bekannt, die sich wie wenige andere Südtiroler
gegen das Auswandern und für das Beibehalten der italienischen Staatsbür-
gerschaft entschieden haben (sogenannte „Dableiber“)56. Zum anderen kennt
53 Infolge der Ereignisse des März 1938 berichtete die kommunistische Zeitung l’Unità:
Hitler hat versichert, dass die Brennergrenze für ihn heilig sei wie jene Frankreichs. Aber alle wissen,
dass das Hitlerregime keines seiner Versprechen und Verheißungen gehalten hat (genauso wie Musso-
lini) und dass Hitler und seine Günstlinge das Elsass und Lothringen für sich beanspruchen. Und ist
es weiters nicht etwa wahr, dass vor wenigen Wochen in München Plakate angeschlagen wurden, mit
denen man Südtirol beanspruchte? Machen wir uns also nicht vor, die Brennergrenze sei zugesichert!
l’Unità (edizione clandestina), Anno XV, N. 4, o. S. (Übers. d. Verf.)
54 Vgl. Gaetano Quagliarello, Il PCI, il PCF e le conseguenze del patto Molotov-Rib-
bentrop, in: La nazione in rosso. Socialismo, Comunismo e „Questione nazionale“: 1889–
1953, hrsg. von Marina Cattaruzza (Soveria Mannelli 2005) 241–296, hier: 257–268. Über die
politischen Hintergründe des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts informiert Gerhard
Wettig, Zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs: Welche Rolle spielte Stalin?, in: Jahrbuch
für Historische Kommunismusforschung (2014) 171–189.
55 George Dimitroff. Tagebücher 1933–1943, hrsg. von Bernhard H. Bayerlein (Berlin
2000) 275.
56 Gegen die Abwanderung ins Deutsche Reich entschieden sich z.B. der Kommunist
Silvio Flor junior und die Sozialdemokraten Anton Gruber und Lorenz Unterkircher. Siehe
Kurzbiographien in Joachim Gatterer, Die sozialistische und kommunistische Arbeiterbe-
wegung in Tirol und Südtirol 1890–1991. Vorarbeiten und Quellensammlung für eine Doku-
mentation ihrer Geschichte (Innsbruck 2017) 658 f. und 662 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918