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Joachim Gatterer
ten in der Verfassungsgebenden Versammlung ab 1946 entsprechende Vor-
schläge vor, die sich in ihrer Substanz mit der 1948 in Kraft getretenen ersten
Autonomieregelung für Südtirol weitgehend decken64.
Den wesentlichen Kritikpunkt der deutschsprachigen und ladini-
schen Südtiroler am Ersten Autonomiestatut stellte die Konstituierung der
Einheitsregion Trentino-Südtirol dar, zumal in dieser autonomen Verwal-
tungseinheit durch Einbeziehung des Trentino gezielt eine italienische Be-
völkerungsmehrheit (und damit eine Hegemonie nationaler Parteien unter
DC-Führung) geschaffen wurde, was die Autonomieregelung für Südtirol
drastisch entkräftete. Diese Einheitsregion galt sowohl in Italiens bürger-
lich-nationalistischen Parteien als auch unter den italienischen Sozialisten
und Kommunisten bereits als Maximalzugeständnis an die NS-kompromit-
tierten Südtiroler65 und wurde nur vom Trentiner Sozialisten Gigino Battisti
(dem Sohn Cesare Battistis) als unzureichend empfunden66. Südtirols Sozial-
demokraten und Kommunisten hatten 1946 hingegen unisono mit den Tiroler
tentrionale), (14.9.1945) 1, abgedruckt in: Akten und Dokumente des PCI zur Südtirolpolitik
ab 1930, hrsg. von Silvio Flor [gebundene Dokumentensammlung ohne Datum], einsehbar
in der Südtiroler Landesbibliothek Tessmann, Magazinbestand, Signatur IV 85.809. (Übers.
d. Verf.)
64 Die KPI veröffentlichte einen im Rahmen der Arbeiten der Costituente vorgebrachten
Gesetzesentwurf ihres Genossen Ruggero Grieco, in dem u.a. folgende Passagen enthalten
sind: Das Staatsgebiet ist in autonome Regionen, Regionen und Gemeinden unterteilt. Autonome
Regionen sind Sizilien, Sardinien, das Aostatal, Trentino-Südtirol. (…) Den autonomen Regionen
sind im Rahmen der territorialen Einheit des Staates und gemäß den Verfassungsgesetzen juristische
Sonderbedingungen eingeräumt (Statute der autonomen Regionen). (…) Die Regionen bestehen aus
autarken Einheiten und sind mit eigenen Rechten gemäß den in der Verfassung festgeschriebenen
Prinzipien ausgestattet. Ferner werden den Regionen all jene staatlichen Dienstleistungen übertra-
gen, die gemäß dem Gesetz zur Reorganisation der staatlichen Dienstleistungen sinnvollerweise de-
zentralisiert werden können. Zur Erfüllung der eigenen Verwaltungsaufgaben und jener, die sich in
der Kompetenz des Staates befinden, und die dieser der Region zur Durchführung anvertraut, wird
die Region in technisch-administrative Zuständigkeitsgebiete (Provinzen) eingeteilt. Ruggero Grie-
co, I Comunisti e la creazione dell’Ente Regione [ohne Ort 1946/47], abgedruckt in Joachim
Gatterer, Die sozialistische und kommunistische Arbeiterbewegung in Tirol und Südtirol
1890–1991. Vorarbeiten und Quellensammlung für eine Dokumentation ihrer Geschichte
(Innsbruck 2017) 578–583.
65 Vgl. die oben zitierte Argumentation Palmiro Togliattis sowie Claudio Nolet, La ques-
tione internazionale dell’Alto Adige Südtirol, in: I socialisti e la questione sudtirolese, hrsg.
von Circolo Culturale „G. Salvemini“ (Bolzano 1978) 4–18, hier: 16.
66 Die Trientiner Sozialisten lehnen den Vorschlag einer einzigen Autonomie für die ganze, die
beiden Provinzen Bozen und Trient umfassende Region ab. Die Resolution verficht den Gedanken, daß
die „tridentinische Regionalautonomie das Resultat eines Konsortiums zweier Autonomien sein soll:
jener für Trient und jener für Südtirol“. Die Sozialisten befürchten, daß in einer gemeinsamen Verwal-
tung, in welcher die Mehrheit italienisch wäre, sich zum Schaden des deutschsprachigen Teils die glei-
che wirtschaftliche und politische Unterdrückung wiederholen könnte, die auf dem Trentino lastete,
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918