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Joachim Gatterer
listen einzugehen. Anlässlich der Wahlen zum italienischen Parlament emp-
fahl sie 1972 in Ermangelung eigener Erfolgsaussichten die Wahl des Trentiner
Sozialisten Ballardini90, der sich in der Neunzehner-Kommission konstruktiv
für die Lösung der Südtirolfrage eingesetzt hatte (siehe oben). Diese Wahl-
empfehlung für einen italienischen Kandidaten wurde jedoch nicht von der
gesamten SFP mitgetragen und führte zur Parallelgründung der Sozialdemo-
kratischen Partei Südtirols (SPS). Sie verstand sich als ethnisch geschlossene
Partei der deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler, wofür vor allem ihr
Spitzenvertreter, der ehemalige SVP-Kammerabgeordnete Hans Dietl Bürg-
schaft leistete91. Der aus kleinbäuerlichem Milieu stammende Dietl hatte auch
in den Reihen der Volkspartei zu den nationalen Hardlinern gezählt, im römi-
schen Parlament gegen die Annahme des Zweiten Autonomiestatuts gestimmt
und zuvor Kontakte zum Befreiungsausschuss Südtirol unterhalten, dessen
politische Linie in der SPS-Parteizeitung offen gewürdigt wurde92.
Inoffiziell reichten die Sympathien für die Gründer des Befreiungs-
ausschusses allerdings auch in die Reihen der KPI und der SPÖ hinein. Der
Trentiner Rechtsanwalt und KPI-Regionalratsabgeordnete (später Abgeord-
neter der „Neuen Linken/Nuova sinistra“) Sandro Canestrini verteidigte die
wegen Mordes angeklagte BAS-Gruppe um Sepp Kerschbaumer 1963 vor
einem Mailänder Schwurgericht, um solcherart zu einer Offenlegung der
Motive und einer sozialen Befriedung des Südtirolkonflikts beizutragen93.
90 Die Wahlempfehlung ist abgedruckt in der Parteizeitung der SFP, Der Fortschritt
(Bozen), (4.5.1972) 1 f.
91 Gatterer, „rote milben im gefieder“ 47–51.
92 Das in Sigmundskron in einer demokratischen Massenkundgebung geforderte ‚Los von Trient‘
wurde mit Hohn und Spott überschüttet. Erst als einige beherzte Männer zu außerparlamentarischen
Mitteln griffen, begann man sich etwas zu besinnen. In langwierigen Verhandlungen knauserte man
um jedes Zugeständnis damit wir wieder mürbe werden. Den Schlußpunkt soll das sogenannte „Pa-
ket“ bilden: es ist aber für uns nur ein Fortschritt, kein Schlußpunkt. Silvio Flor, Nach 55 Jahren
Sozialdemokraten im Landtag als zweite politische Kraft, in: Südtiroler Nachrichten (Bozen,
12.1973) 3.
93 Als wir die Verteidigung übernommen haben, haben wir unsere Mandanten nicht im unklaren
gelassen, sondern zu ihnen gesagt: Wir sind bereit, alle ideellen, moralischen und politischen Beweg-
gründe eures Protestes gegen die Art und Weise hervorzuheben, wie die Mächtigen dieser Erde euch
nicht nur anno 1809, sondern auch 1945 behandelt haben; wir sind als Italiener und Demokraten
dazu bereit, alle Mängel und Unterlassungen zum Schaden eurer Heimat anzuprangern. Wir wollen
aus dem Mailänder Prozeß ein Mittel machen, im Rahmen berechtigter Forderungen eine Besserung
herbeizuführen, und das nicht nur in Bozen, sondern auch in Rom. Wir haben aber sogleich hinzu-
gefügt, daß wir uns als Verteidiger niemals dazu hergeben werden, mit den Druckmitteln und den vom
Rassenhaß diktierten Spekulationen gemeinsame Sache zu machen, die hinter euren Rücken gewisse
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Title
- Die schwierige Versöhnung
- Subtitle
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Authors
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Editor
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Publisher
- Bozen-Bolzano University Press
- Location
- Bozen
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Size
- 16.0 x 23.0 cm
- Pages
- 616
- Keywords
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Categories
- Geschichte Nach 1918